Die Sprengmeister Europas


Das haben sie davon, diese bösen, bösen Griechen

Kleine Klarstellung vorweg: Mir geht es hier nicht um die Reinwaschung der griechischen Politik und ihres Klientelismus. Die hat in ihren Auswüchsen hochbizarre Züge. Die wären fast amüsant, wären sie erdacht und nicht Wirklichkeit: Wenn sich etwa der Staat mit denselben Katastertricks selbst bescheißt wie es seine Bürger mit ihm tun. Mir geht es auch nicht um eine finanzwirtschaftliche Bewertung der Ergebnisse, dazu fehlt mir jede Kompetenz.

Angela Merkel (rechts) mit ihrem Finanzminister WOLFgang Schäuble
Angela Merkel (rechts) mit ihrem Finanzminister WOLFgang Schäuble

Aber es gibt so viel, was in dieser politischen Hysterieorgie der letzten Wochen derart desaströs lief, dass ein vernünftiges Ergebnis gar nicht mehr möglich war. Die Griechen sind die Bösen, die Unfähigen – und alle anderen die Guten und Tollen. Angela Merkel und speziell Wolfgang Schäuble haben alternativlos recht, und die Griechen haben immer und überall unrecht und machen alles falsch. Das ist ein wirklich kindisches Schwarz-Weiß-Denken. Und es verunmöglicht jedes Handeln jenseits von Aufrechnen und Rechthaben, verhindert jede Kreativität. Weiche Faktoren gelten nicht. Respekt? Fehlanzeige, Save face? Was ist das? Empathie gibt schon gar nicht. Eher schon Wut und Nachtreten.

Die Griechen sind die Schurken

Fangen wir mit den Griechen an. Sie haben eine fatale Staatskonstruktion. Über Jahre haben sich Politiker aller Couleur ihre Wahlergebnisse durch Wohltaten an die Wähler erkauft. Um das zu finanzieren, haben sie sogar die Staatsbilanzen gefälscht. Das ist schlimm und verwerflich. Aber solche Gaunereien funktionieren nur, wenn man sie auch zulässt. Kohl, Waigel & Co. wollten die Griechen beim Euro um jeden Preis dabei haben – und seitdem wird geflissentlich beiseite geschaut, wenn es um Kontrollen geht.

Hat irgendjemand auf der Seite der Zahlmeister und wirtschaftlich Guten mal ein Wort der Selbstkritik fallen lassen? Gab es irgendwann einen Hauch von Reue, dass man die Fehlkonstruktionen des griechischen Staates, die immer schon bekannt waren, stets stillschweigend geduldet hat? Und warum? Weil die Griechen so brav waren, das Geld zu lukrativen Zinsen bei deutschen Banken zu leihen? Und brav haben sie Rüstungsgüter in Milliardenhöhe aus deutschen Landen geordert. (Der Militärhaushalt steht bis heute nicht als Sparmöglichkeit zur Debatte!)

Das neo-liberale Finanzfiasko

Und dann kamen Rezession und die Finanzkrisen. Die trafen das verletzliche Griechenland viel härter als die prosperierenden Länder der EU. Der österreichische Wirtschaftswissenschaftler Stephan Schulmeister hat das in einem lesenswerten Artikel beispielhaft dargestellt. Die Folge waren aber nicht etwa drastische Strukturvorgaben für Griechenland, sondern nur weitere teure Hilfsprogramme, die Griechenland nur tiefer ins Desaster führten. Die damals verantwortlichen Politiker in Griechenland haben das brav mitgemacht. Und wir hier, die Kreditgeber, haben das forciert, weil es ja so alternativlos war. Angeblich. Irgendwo hier ein Fünkchen Selbstkritik? Nein, alles richtig gemacht, wir verdienen schließlich daran.

Was die Sache in der Folge noch schlimmer macht, ist die Sprengkraft, die dabei innerhalb Europas entfacht worden ist. Krisenländer wie Irland, die baltischen Staaten, die Slowakei, Portugal oder Spanien haben brutale Spardiktate auferlegt bekommen. Sie konnten sie besser verkraften als das strukturell katastrophal aufgestellte Griechenland mit seinen unfähigen und unwilligen Politikern. Aber es machte sie in der Folge zu den unerbittlichsten Gegnern Griechenlands. Denn warum soll es denen besser gehen als ihnen selbst? War das Absicht der reichen Länder oder fehlende Voraussicht? Und hat man hier ein selbstkritisches Wort aus Berlin oder Brüssel gehört?

Die Währung als Sprengstoff 

Der Euro ist einst eingeführt worden, um Europa noch näher zusammenzuführen, um nach den Staatsgrenzen auch die Finanzgrenzen einzureißen. Eine ehrenwerte Idee, nur leider arg schlecht zusammengeschustert. Ein ähnlich selbstzerstörerisches Konstrukt wie unser Rentensystem. Mich erschreckt jedenfalls, welche Gräben sich zwischen den Staaten Europas auftun:. Teils politisch zwischen links (Syriza) und rechts (Finnland, Dänemark, Ungarn); klimatisch zwischen Süd und Nord, katholisch und protestantisch/calvinistisch, schlampig und korrekt; wirtschaftlich zwischen Gebern und Nehmern, arm und reich. So gesehen hat der Euro eine fatale Sprengkraft für Europa. – Das war doch genau andersherum gedacht, oder?

Und Wolfgang Schäuble macht das alles in seiner störrischen Wut über griechische (levantische?) Verhandlungsweisen nur noch schlimmer. Er ist doch Politiker genug, um zu wissen, wie verheerend solch hartleibiges Verhalten im Imagebild ist. Der Satz, Schäuble habe in einer Nacht mit seinem Beharren auf einem Grexit alles kaputt gemacht, was wir Deutschen über Jahrzehnte an Vertrauen und Zutrauen bei unseren Nachbarn aufgebaut haben, ist so falsch nicht. Und das nur, weil ihm ein Varoufakis so ausgiebig auf den Nerv gegangen ist? Oder weil ein byzantinisches Staatsverständnis so konträr zu seiner schwäbischen Kehrwochen-Korrektheit ist?

Ideen statt Rechthaberei

Mich entsetzt auch die Ideenlosigkeit der Rettungsmaßnahmen, die ähnlich absurd erscheinen wie das Staatssystem der Griechen, das sie kurieren sollen. Jetzt wird also – hopp, hopp, hopp – die Mehrwertsteuer angehoben. Die Steuer, die bekanntermaßen vor allem den kleinen Mann trifft – und wieder einmal die Reichen verschont. Diese Steuererhöhung macht die Dinge des täglichen Bedarfs teurer, die sich viele Griechen z. B. mit ihren gekürzten Renten schon jetzt kaum mehr leisten können.

Zugleich weiß jeder, dass die Umgehung der Mehrwertsteuer längst schon der beliebteste Volkssport Griechenlands ist. Das wird jetzt nicht besser werden, wenn es sich noch mehr lohnt, den Staat um diese Einnahmen zu betrügen. Also noch mehr Kontrolleure? In Griechenland? – Hier zeigt sich exemplarisch die fatale Unfähigkeit des Nordens, die Mentalität des Südens auch nur ansatzweise verstehen zu können/zu wollen. Statt Kontrolle und Nordländer-Lösungen wären besser gute Ideen gefragt.

Motivation statt Kontrolle

In China, wo die Lust auf Kassenbons und Zahlung von Mehrwertsteuer auch sehr marginal ausgeprägt ist, hat sich der Staat was einfallen lassen: Jeder Kassenbon ist zugleich ein Lotteriezettel mit einer frei rubbelbaren Losnummer. Alle Vierteljahre gibt es dann – öffentlichkeitswirksam im Fernsehen – eine große Ziehung der Gewinnzahlen. Und dann ist man der Blöde, wenn die Gewinn-Nummer aufleuchtet und man die entsprechende Quittung nicht vorweisen kann. – Seitdem ist das stille Einverständnis zwischen Kunde und Verkäufer, auf Quittungen zu verzichten, deutlich gestört. In China! Da hat man nämlich Ideen, wie levantinische Mentalität erfolgreich zu unterlaufen ist.

In Europa geht man den anderen Weg, den des gegenseitigen Blamierens, der Schuldzuweisungen und des Besser-Wissens, des Ausgrenzens und Niedermachens. Europa ist sehr gut in so was. Das haben wir über Jahrhunderte hin geübt – und in immer neue Krisen und Kriege eskalieren lassen. – Ich hatte gehofft, das hinter uns gelassen zu haben: Einer muss der Buhmann sein, auf den sich die Volksseele und die Volksverblöder (BILD!) einschießen können. Diese Methode hat noch immer jede Demokratie wirkungsvoll zerstört. Sie ist der Nährboden für Faschismus – egal in welcher Art von Schafspelz er diesmal auftauchen mag.

Angst & Keime


Don’t touch Sagrotan 

Es gibt nichts Schöneres, als wenn eine Firma wirklich ihre Kunden versteht, ihre geheimen Ängste, ihre verborgenen Wünsche. Und was brauchen zwanghafte Menschen, die sich von Herzen vor Keimen und Bakterien fürchten, dringender als eine Automatik, die ihnen keimtötende Substanzen auf die Hände sprüht, ohne dass sie dafür einen Hebel bedienen müssen? Schließlich könnten ja gerade dabei neue Keime auf die Hand kommen. Dass diese Sekunden später durch genau die aufgetragene, Keim vernichtende Substanz abgetötet werden, kümmert einen konsequent zwanghaften Menschen ja nicht.

Zwang ist nun mal nicht mit Ratio in Griff zu bekommen. Und das weiß Reckitt Bensicker, die sich auf aggressive Reinigungsprodukte spezialisiert haben. Ihre 17 Keim- & Schmutzvernichter vermarktet die Firma sinnigerweise unter dem Motto „Keep Customers Delighted“. Beispielsweise eben mit „No Touch Sagrotan“.

Es lohnt sich auch das Video anzusehen, mit welch unsubtilen Mitteln der Zielgruppe das neue Produkt nahe gebracht wird. Es ist so gesehen dann schon wieder Realsatire. Natürlich sind die Helden des Werbespots Kinder. Die wilden Racker neigen ja dazu, Schmutz und Keime in die so sorgsam steril gehaltenen Küchen zu bringen. Zum Beispiel, in dem sie dort mit (seltsam sauberen) Kröten spielen. Das macht die Patsch-Händchen ganz keimverseucht. (Das wird mit roten Stäbchen auf seltsam krötenfarbenem Untergrund symbolisiert.) Und Mami kocht und fasst rohes Fleisch an – igittigitt – und Papi fasst in den Müll – igittigittigittigitt!

Das Leben endet meistens tödlich

Es ist so leicht, sich über zwanghafte Menschen lustig zu machen, die Angst vor der Wirkung von Keimen und Bakterien haben. Und kein Business ist so leicht und ersprießlich wie das Geschäft mit der Angst. Hier sind Wirkung und Ertrag fast garantiert, weil die Ratio als Kontroll-Element keine Chance hat. Dass die Werbung das so oft und gerne ausnutzt, ist traurig, aber logisch. Schade ist nur, dass ausgerechnet die Medien, denen bislang eigentlich die Rolle der Aufklärung und so der einzig wirksamen rationellen Kontrolle zukamen, jetzt in ihrer selbst verordneten Existenzangst auch lieber auf Ängste als auf deren Abbau setzen. Keine Woche, in der nicht eine Meldung über neue, ganz schlimme Keime durch die Medien geistern. Eine ganz sichere Sache das, denn das Leben endet nun mal meistens tödlich…

Erreger in Lebensmitteln und die Schuldenkrise sind dann auch die beiden größten Ängste der Nation, wie eine Studie feststellt. Entsprechend vergeht kein Tag mit neuen Untergangs-Szenarien des Euro, mit neuen Angstmachereien vor einer Wirtschaftsreform und einer Weltrezession. Nicht umsonst kritisiert die einzig funktionierende deutsche Reflexions-Institution Helmut Schmidt im aktuellen Interview der Zeit mit Giovanni di Lorenzo die Angstmache der Medien vor dem Verlust der Ersparnisse der Deutschen: „Wenn es Deutsche gibt, die Angst haben, dann ist ihnen die Angst gemacht worden. Zum Beispiel durch dicke Überschriften im Spiegel oder in der Bild-Zeitung. Dabei wurde die Bankenkrise des Jahres 2008 noch sehr vernünftig zurückhaltend kommentiert. Aber das ist vorbei. Jetzt machen fast alle in Angst – selbst in der Süddeutschen Zeitung habe ich schon gelesen, dass wir es mit einer Euro-Krise zu tun hätten. Aber das stimmt nicht. Wir haben es mit einer Krise der europäischen Institutionen zu tun.“

Die Wirtschaftspresse, die die erste Bankenkrise in ihrer Wachstumseuphorie so gar nicht hatte kommen sehen, will nicht noch mal auf dem falschen Fuß erwischt werden. Um so energischer und drastischer werden jetzt gebetsmühlenartig Untergangs- und Verarmungs-Szenarien gemalt. Mit dieser Haltung weiß man sich auf der sicheren Seite. Sollte es nun doch nicht so schlimm kommen, wird einem das im Nachhinein keiner übel nehmen.

Die Kartelle der Angst

Pavel Mayer, einer der Piraten, die in das Berliner Abgeordnetenhaus eingezogen sind, beschreibt in einer Replik auf faz.net gut die „Kartelle der Angst“, die ihre Besitzstände zu verteidigen suchen: „Da sind die „Kartelle der Angst“, die sich dem Wandel entgegen stemmen. Es sind mehr oder weniger mächtige Interessengruppen, die Angst vor Veränderung haben. Sie glauben, dass ihre bisherigen wirtschaftlichen und politischen Erfolge sie moralisch dazu berechtigen, die Regeln der neuen Welt bestimmen zu können. Sie wollen weiter erfolgreich und mächtig sein, ohne sich so radikal ändern zu müssen, wie es die neuen Umstände der digitalen Welt erfordern.“ Was Pavel Mayer vergisst – oder übersieht – sind die Mittel, die diese Kartelle zur Verteidigung ihrer Besitzstände nutzen: Angst, blanke Angst. Ein Mittel, das in Deutschland schon immer funktioniert hat. Und in den USA sowieso.

Man erinnere sich nur an die Vision eines Unterdrückungsstaates, wie ihn George Orwell einst mit „1984“ beschrieben hat. Wer dieses Werk nur als Warnung vor Faschismus und/oder Stalinismus interpretieren mag, der greift zu kurz. Bei mir hat schon damals, als wir den Roman in der Schule (!) behandelt haben, vor allem die kontinuierliche Angstmache mittels Terrorismus, Krieg und anderen Katastrophen Beklommenheit ausgelöst. Schaut man heute Tag für Tag Nachrichten, sind wir so weit davon nicht entfernt. Einziger Unterschied ist, dass es uns im Gegensatz zu „1984“ wirtschaftlich gut geht. Umso besser funktioniert das Schreckgespenst, dass es damit schon bald vorbei sein könnte.

Die Stimme der Optimisten

Umso willkommener sind in diesen Zeiten die Stimmen von Gelassenheit und Optimismus. Matthias Horx, der nun wirklich nicht im Rufe eines Euphorikers steht, predigt in einem mehr als lesenswerten Artikel in der Frankfurter Rundschau auf überzeugende Weise Gelassenheit: „Angst ist ein Geschäft. Das muss man wissen, wenn man Krisen begreifen will. In einer durchgängig vernetzten Medienwelt bildet sich eine eigene Erregungs-Ökonomie, mit eigenen Gesetzen und neuen Stars. Aber auch hier gilt: Die Karawane wird weiterziehen. Was gestern die Islam-Angst war, ist heute Euro-Hysterie. Sich diesem Zirkus zu verweigern, das Spiel nicht mitzuspielen, ist eine Form mentalen Widerstands.“

Die Steigerung von Gelassenheit ist aktiver Optimismus – oder sogar der Glaube an das Gute – oder gar an die positive Absicht der Evolution. Der beste Protagonist dafür ist Matt Ridley. Sein Vortrag „When Ideas Have Sex“ auf der TED-Konferenz ist auf alle Fälle als Mutmacher und Kraftgeber immer wieder sehenswert. Inzwischen ist sein Buch „Wenn Ideen Sex haben“ auch in Deutschland erschienen. Andrian Kreye hat es sehr gut und ausführlich in der Literaturbeilage der Süddeutschen Zeitung bewertet.  Es tut einfach gut, auch aus wissenschaftlicher Sicht positive Nachrichten zu bekommen.

Schule zu Lebensmut

Ich bin einst als 16-Jähriger sehr nachhaltig von Zukunftsangst und Miesepetrigkeit geheilt worden (von einigen Rückfällen abgesehen). Es war ein alter, blinder Mann, der mir das ausgetrieben hat. Mein Vater hatte zu seinen Junggesellenzeiten im Berlin der Vorkriegszeit ein möbliertes Zimmer bei der Familie Kleina. Nach dem Tod meines Vaters besuchten wir noch einmal Hannes Kleina und seine Frau. Er war damals über 70, seit Jahren blind, er hatte Krebs und wusste, dass er nur noch wenige Zeit zu leben hatte.

Ich hatte aber noch nie zuvor (und ganz selten danach) einen Menschen mit solcher Lebenslust und solchem Lebensmut getroffen. Er genoss jeden Tag, war politisch informiert (per Radio & vorgelesener Zeitung), er ging ins Fußballstadion zu Hertha. Er sprühte vor Ideen, Begeisterung und war sich für sexuelle Scherze nicht zu schade. – Ich weiß noch, wie ich nach dem Besuch im Treppenhaus auf dem Weg nach unten geflennt habe. Seine positive Art war damals zuviel für mich gewesen. Sein Motto: „Ich habe nicht mehr lange zu leben, warum soll ich mir da auch nur eine einzige Stunde vermiesen lassen.“ Das beste Gegenmittel gegen Angstmache und ihre Folgen: LebensMUT!