Ökonomie als Muppet-Show


Das Thema Wirtschaft darf man ernst nehmen, muss man aber nicht

Verstehe ich das richtig mit den Negativzinsen? Wenn ich mein Girokonto überziehe, bekomme ich Zinsen gutgeschrieben? Schließlich helfe ich den Banken, nicht auf ihren Negativzinsen sitzen zu bleiben. Denn das Schlimmste, habe ich gehört, was einer Bank heute passieren kann, ist es, wenn ein Mensch mit ganz viel Geld kommt und es bei der Bank deponieren will. Kein Wunder, dass da das Geld auf die Bahamas ausweicht. Dort scheint es noch willkommen zu sein. Oder die Briefkästen dort sind anonym und permissiver. Und das Wetter ist auch besser.

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Suchs Paket. Selbstausbeutung als Dienstleister.

Ein wenig darf man sich ja fast amüsieren über unsere zinslose Welt. Es entkrampft so. Plötzlich lösen sich die Zungen und auch die schweigsamsten Menschen geben inzwischen zu, viel Geld in der Finanzkrise verloren zu haben. Noch vor einem halben Jahr haben sie das noch strikt bestritten. Jetzt fällt es leicht, die Verluste zuzugeben. Ist ja eh wurscht. Man bekäme ja jetzt gar keine Zinsen mehr dafür. Oder gar noch Strafzinsen.

Überraschend, dass die AfD noch nicht die Zinslosigkeit für sich entdeckt hat. Ausgerechnet diese kruden Politiksimulatoren-Clique, die einst als Anti-Euro-Partei gestartet ist. Schließlich war es Allah selbst, der verboten hat, für Geld Zinsen zu nehmen. Also ist die Zinslosigkeit doch auch ein Stück Moslemisierung des Westens. – Zugegeben, die arabischen Staaten haben sich nie so recht an das Prinzip gehalten. Zinsen und Dividenden für ihre Ölmilliarden haben sie zumindest gerne kassiert.

Langsam macht sich Antiökonomismus breit

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Auch das Christentum hat es seinen Gläubigen lange verboten, Geld gegen Zinsen zu verleihen. Das führt dazu, dass dieses Geschäft einst einzig von Juden betrieben wurde. Mit den bekannten negativen gesellschaftlichen Nebenwirkungen. – Heute ist die Finanzbranche dabei, ähnlich unbeliebt zu werden. Von Antiökonomismus spricht allerdings noch keiner. Aber jetzt ist dieser Begriff endlich mal in der Welt. Wird sicher noch seine Verwendung finden.

Fakt ist. Geld wird nicht mehr gespart, sondern gleich ausgegeben. So spart man sich den Umweg übers Sparbuch. Und hat auch mehr davon. Die Konsumgüterindustrie freut sich. Nur der Handel nicht. Denn der bekommt vom Geldsegen nicht mehr viel ab. Also der stationäre Handel. Der versteht sich mittlerweile sowieso nur als Konsumgüter-Museum und verlangt Eintritt von Kunden, die sich „nur mal so umsehen wollen“. Um zu wissen, was sie dann online bestellen wollen.

Aus der Logistik wird Unlogistik

Der Onlinehandel boomt, die Versandlogistik brummt. Nein , es sind nicht die Lieferdrohnen, die uns drohen. Sondern die Paketdienste, die die Güter „ausliefern“. Oder gibt es inzwischen einen besseren Begriff für das Versteckspiel mit Konsumgütern, das da gespielt wird? Statt wie früher lange zu warten, bis der Postmitarbeiter das hinterlegte Paket im Lager gefunden hat, dürfen wir jetzt selbst in der Paketstation suchen, in dem das an der Haustüre nicht ausgelieferte Paket versteckt ist. Mein Vorschlag: Wir nennen das Unlogistik.

Apropos Selbstausbeutung. Das Gejammere, das wir viele Dienstleistungen, für die es früher Personal gab, selbst machen müssen, dürfte bald vorbei sein: Reisen buchen, Produkte selbst konfigurieren und bestellen (und abholen, s. o.), Mietwagen am Straßenrand suchen etc. Wir bekommen bald neues Personal, an das wir das delegieren können: Bots. Also kleine, virtuelle Helferlein, die wir rumkommandieren und die das tun, was wir wollen. Bots ist die Koseform von „Robotern“. Deutsch Roboterlein oder Roböttchen.

Die lieben Bots namens Siri oder Alexa

Die ersten gibt es ja schon. Teilweise üben sie noch, teilweise funktionieren sie schon. Sie hören auf so lieblichen Namen wie Siri oder einen vertrauten wie Alexa. Manche sind profan und springen zu Diensten, wenn man sie mit „Hallo Google“ anherrscht. (Fragt sich, wie lange man bei Robotern Herr im Haus ist.)

Kurios wird es, wenn die Helferlein aka Bots Familienmitglieder werden. Alexa etwa, bereits millionenfach in den USA verkauft, ist offiziell ein kabelloser Lautsprecher mit ausgefeilter Mikrofontechnik. Sie steht im Wohnzimmer oder der Küche und wartet auf ihren Einsatz. Bei manchen Menschen steht sie in wirklich jedem Zimmer. Nach einem kurzen „Hallo Alexa“ ist sie zu Diensten. Sie spielt auch Musik, wenn man ihnen es befiehlt. Aber lieber beantwortet sie Fragen, liest bei Bedarf Kochrezepte vor, und am liebsten bestellt sie, was man auch immer zu brauchen meint.

Immer präsent und Teil der Familie

Diese Bots sind wie einst die Haushaltshilfe oder das Zimmermädchen. Downtown Abbey für Arme sozusagen. Immer zu Diensten – aber sie bekommen auch alles lautstark mit, was so im häuslichen Leben geschieht. Mal sehen, wann den Geräten auch ein Streitschlichtungs-Algorithmus einprogrammiert wird. Oder noch lebensnaher: ein Intrigen-Generator.

Wie auch immer. Die Bots werden auf alle Fälle die nächste große Sache. Wenn Facebook, Microsoft und Amazon das wollen, wird das kommen. Und da werden Siri (Apple) und Google nicht tatenlos, ratlos und serviceunwillig abseits stehen. Im Gegenteil. Sie werden uns eifrig und sehr aktiv dabei helfen, Negativzinsen zu vermeiden. – Das Geld, das sie dabei verdienen, wird dann schon einen Weg auf einsame Zinsen-Eilande finden. Siri, Alexa & Co. sei Dank.

Wir schaffen das?


Die Welt wird ganz, ganz schlimm – oder eben nicht.

Jahreswechsel. Eigentlich ein guter Zeitpunkt, mal inne zu halten und ohne Ressentiment und Angst in die Zukunft zu blicken. Was wird die nächsten Jahre auf uns zu kommen? – Wir wissen darüber so viel wie schon lange nicht mehr. Es wird sich nämlich so ziemlich alles ändern. Alles. Wir stehen vor so vielen und drastischen Disruptionen wie kaum je zuvor.

constWir wissen nur nicht, was sich und wann genau es sich ändern wird. Und wie es sich ändern wird, ist noch offen. Und wohin es dabei geht, wissen wir auch nicht. Aber da könnten wir versuchen, ein wenig mit zu steuern. Oder anders formuliert: Wenn wir jetzt nicht anfangen uns darum zu kümmern, kann es wirklich sehr schlimm werden. Dann wüsste ich nicht, was ich den schlimmsten Dystopien der Pessimistologen entgegen setzen sollte.

Also kurz mal aufgelistet, was auf uns sicher zukommt. Zwei interessante Artikel dazu ist die technikgläubige Zukunftsprognose von Zukunftsoptimist Peter Diamandis und das Interview mit Klaus Schwab, Gründer und Chef des World Economic Forum in Davos, der sehr illusionslos die kommenden Veränderungen benennt.

Das absehbare Zukunfts-Szenario

Also, was wird auf uns zukommen? – Die Weltbevölkerung wird unweigerlich wachsen. Wenn es gut geht, auf 10 Milliarden Menschen. Aber es können auch 12 oder 15 Milliarden werden. Wir wissen längst, dass Wohlstand, Bildung und Gleichberechtigung die einzigen wirksamen „Verhütungsmittel“ sind. Also: Wohlstand, Bildung und Gleichberechtigung gerade für die Dritte Welt.

In unserer Welt wird es sehr voll werden. Und es wird sehr eng werden. Denn die meisten Menschen werden in Mega-Citys leben. Jeder weiß, wie viel Aggressionspotential in solch einer Situation steckt. Einziges Gegenmittel ist viel Empathie und Rücksichtnahme. Oder viel, sehr viel Kontrolle.

Wir stehen vor dem nächsten großen Sprung in die Digitalität. Wir und alle Dinge um uns herum werden unaufhörlich Daten generieren, die kontinuierlich gesammelt und ausgewertet werden. Die Algorithmen, die das tun, kennen wir nicht und verstehen sie auch nicht. Und wir sind nicht in der Lage, deren Ergebnisse zu kontrollieren, geschweige denn zu korrigieren. – Das müsste schleunigst geändert werden; Geschäftsgeheimnisse hin oder her.

Entwicklungen sind nicht aufzuhalten

Wir werden unweigerlich den gläsernen Menschen bekommen. Diese Entwicklung ist nicht aufzuhalten – wie so viele andere ebenso. Das ist die unabwendbare Folge der Digitalisierung und der damit verbundenen Datensammlerei – und unserem Bedürfnis nach immer bequemeren Services. Der Deal, Bezahlung von Services durch Daten, ist längst heimlich fix. Wir müssen nur noch klären, wie wir diese Tatsache verwalten und die nötigen Kontrollen effektiv gestalten. Wir werden alle Little Brothers – und entscheiden selbst, ob George Orwells Ängste Wirklichkeit werden.

Die Computer werden weiter immer schneller rechnen können. Immer schwerer wird es für uns, alle Folgen einer immer weiter um sich greifenden Digitalität zu verstehen und da irgendwie mitzuhalten. Eine Gesellschaft, die nur noch Spielball ist, hat verloren. Sie wird kapitulieren und sich nicht mehr als Gesellschaft verstehen und als Gesellschaft handeln.

Das Horror-Szenario: Eine Welt ohne Arbeit

Wir werden eine Welt voller Roboter bekommen. Nur Roboter garantieren die heute als unablässig erachtete Steigerung von Produktivität. 80 Prozent der Jobs, mit denen wir heute unser Geld verdienen, wird es in den nächsten 25 Jahren nicht mehr geben. Es werden Millionen von Menschen ohne (bezahlte) Arbeit da stehen. Dafür muss unser komplettes Lohn-, Steuer- und Rentensystem von Grund auf geändert werden. Nur eines von vielen Stichworten dazu: bedingungsloses Grundeinkommen.

Eine Welt ohne Arbeit ist eine völlig andere Welt. Eine Gesellschaft ohne Arbeit ist eine völlig andere Gesellschaft. Der Mittelstand löst sich auf. Er hat schlicht nichts mehr zu tun. Was aber dann? Werden die Menschen sich zu beschäftigen wissen? Wie sieht dann Wohlstand aus? Und wie lässt sich der Abgrund zwischen vielen Menschen mit wenig Geld und ganz wenigen mit ganz viel Reichtum erträglich gestalten? Es drohen sonst ungeheure soziale Spannungen.

Alle unsere gesellschaftlichen Institutionen und Errungenschaften stehen dann zur Disposition. Die wenigsten werden überleben. Und das nur, wenn sie sich an die neue Wirklichkeit anpassen. Ein digitalisiertes Gesundheitssystem wird zwar wirkliche Wunder bewirken können. Aber wie werden diese bezahlbar bleiben: personalisierte, intelligente Medikamente, Gentherapie, Zelltherapie, Krebstherapien, Immuntherapien, Psychobehandlung, personalisiertes Gesundheitscoaching, Funktionsmonitoring etc.?

Politik kann nicht (mehr) verändern

Wie soll unsere Politik solch krasse Veränderungen bewältigen? Politiker sind dafür weder geeicht noch ist unser politisches System auf Veränderung angelegt. Ganz im Gegenteil. Wie aber soll eine Gesellschaft im rapiden, disruptiven Wandel gemanagt werden? Wie soll eine Gesetzgebung aussehen, die diese Veränderungen bewältigt? Klaus Schulz etwa verlangt eine agile Gesetzgebung, also gleichsam sich automatisch anpassende Gesetze.

Und es werden viele Gesetze und Regelungen kontinuierlich geändert werden müssen. Das Finanzsystem muss gebändigt werden, das Steuersystem an die disruptiven Änderungen angepasst werden müssen – Stichworte: Produktivitätssteuer, Robotersteuer, Datensteuer, Prosperitätssteuer… Unser Sozialsystem muss nicht nur agil, sondern fluid auf die absehbaren Veränderungen reagieren: Überalterung, Arbeitsverluste, Zuwanderung, Grundeinkommen…

Vor allem aber wird die große Mehrheit der Menschen von den Veränderungen überfordert sein. Sie tut sich heute schon so schwer. Und heute erleben wir nur den ersten Hauch kommender Disruptionen. Wir erleben schon jetzt, wie Menschen ihre Unfähigkeit und ihr Unwillen, Änderungen zu akzeptieren und anzugehen, in Aggression und Verweigerung treibt – und in die Arme von Rechtspopulisten, die unverantwortlicherweise einfache Lösungen versprechen.

Wir brauchen ein Change-Management für unsere Gesellschaft

Wie soll das Change-Management für eine komplette Gesellschaft, für ein komplettes Staatssystem oder gar für hypernationale Systeme wie die Europäische Union aussehen, oder gar für eine Weltregierung? Wie muss dafür ein geeignetes Bildungssystem aussehen? Und eine Fortbildung für die Pädagogen, die Menschen (nicht nur Jugendliche) für solch ein System fähig machen sollen?

Und was tun mit all den Menschen, die noch nicht einmal in der Moderne oder unserer digitalen Wirklichkeit angekommen sind? Was ist mit der Zweiten und der Dritten Welt – und den Menschen die vor dort zu uns fliehen?

Es gibt keine einfachen Lösungen, das ist sicher. Aber man kann sich relativ gut auf die am meisten unterschätzten Fähigkeiten des Menschen verlassen: seine Ingenuität und seine Anpassungsfähigkeit. Aber beide dürfen nicht dauernd überstrapaziert werden. Wir lernen nicht am besten, wenn wir andauernd ins kalte Wasser geschmissen werden oder im Panikmodus handeln müssen.

Bei sich selbst anfangen

Besser wäre es, wenn wir all diesen Veränderungen ins Auge sehen. Wissend und mit Mut. Vielleicht sogar manchmal mit Vorfreude. Besser wäre es, wenn wir von Veränderungen nicht stets auf dem falschen Fuß erwischt werden, wenn wir agieren und nicht nur reagieren. Nur so hätten wir eine echte Chance, in etwa mitbestimmen zu können, wohin unser Weg geht.

Der derzeitige Modus des „alternativlosen“ Dahinwurstelns ist sicher falsch. Genauso das konsequente Wegsehen vor den kommenden Entwicklungen. Es wäre toll, eine Kanzlerin, meinetwegen auch einen Kanzler zu haben, der die Probleme der Zukunft klar benennt, der Ideen und Vorschläge für deren Bewältigung hat und dann wirkungsvoll Zuversicht ausstrahlt: „Wir schaffen das!“

Hilfe statt Hysterie

Aber nur auf die Politik hoffen, ist sicher allzu blauäugig. Jeder muss bei sich selbst anfangen. Ich habe mir angewöhnt, auf alle Änderungen und die begleitenden hysterischen Untergangsszenarien (der Medien u.a.) relaxt, emotionslos, gleich-gültig und neugierig zu reagieren. Klappt nicht immer, aber immer besser. Ich habe mir den analytischen Blick eines Insektenforschers angewöhnt, der die in seinem Schmetterlingsnetz gefangenen seltsamen und manchmal nicht hübschen Exemplare mit großem Interesse begutachtet.

Be-gut-achtet. Was ist gut? Was schlecht? Ich versuche anderen zu helfen, das Gute auch zu sehen und Ängste abzubauen. Mache Mut und helfe Schwellenängste abzubauen. Und bei Schlechtem versuche ich dagegen aktiv zu werden. Immer und überall. Aber ganz unhysterisch. Mit Argumenten und Perspektiven. Ist anstrengend – und funktioniert nicht immer. Aber nur so schaffen wir es, die neue Welt annehmbar, vielleicht sogar positiv zu gestalten.

Die hermetische Gesellschaft


Wir müssen entscheiden, in welcher Art von Gesellschaft wir leben wollen

Ich frage mich, wie soll unsere Welt aussehen, wenn wir überall von Zäunen und Mauern umgeben sind? Wie stellen sich Politiker unseren Alltag vor, wenn sie uns -. oder sich? – gegen Flüchtlingsströme abschotten wollen? Wie soll unsere Gesellschaft funktionieren, wenn es wieder bewachte und kontrollierte Grenzen gibt? Mit graust bei der Vorstellung solch einer sich hermetisch nach außen abschließenden Gesellschaft.

Broken Glass Security

Der erste Denkfehler ist doch hier, dass irgendwann die Flüchtlingsströme abreißen werden und wieder „Normalität“ einkehren wird. Das wird sie nicht. Das weiß jeder halbwegs intelligente Politiker. Wir haben alles dafür getan, dass wir ein Jahrhundert, wenn nicht ein Jahrtausend der Migration erleben werden. Wir haben Konflikte geschürt und Waffen geliefert. Wir haben unseren Wohlstand auf Kosten der Dritten Welt (und auch der Zweiten Welt) angesammelt. Wir haben politische Dummheiten zugelassen – und wirtschaftliche Desaster dazu.

Vertreibung durch Krieg und Klima

Das Ergebnis sind Menschen, die vor Kriegen, Stammesfehden und/oder religiöser oder ethnischer Verfolgung fliehen. Aus Syrien, aus Afrika, aus dem Nahen Osten. Wir haben Personal in Afghanistan angeheuert, das heute vor der tödlichen Rache der Taliban zu uns flüchten. Wir haben es versäumt, schwachen Wirtschaften ausreichend Chancen zum Wachstum zu geben. Kein Wunder, dass diese Menschen bei uns Sicherheit und Prosperität suchen.

Und wir haben nicht genug Druck ausgeübt, dass endlich wirksam der Klimawandel eingebremst wird. Absehbar ist, dass bald aus all den dicht bevölkerten meeresnahen Landstrichen, die nicht reich genug sind, wirksame Deiche zu bauen, bei steigendem Meeresspiegel die Menschen fliehen werden müssen. Weite Teile von Afrika und des Nahen Ostens werden absehbar bald zu heiß für menschliches Leben abseits von Klimaanlagen sein.

Migrationsdruck durch Masse

Und schon jetzt wissen wir, dass in Zentralafrika die Bevölkerung rapide zunehmen wird. Die zusätzlichen 4 Milliarden Menschen, die im Laufe der nächsten Jahrzehnte zu den bestehenden 7,5 Milliarden hinzukommen, werden in Afrika geboren. Welch massiver Migrationsdruck wird hier schon durch die schiere Masse von Menschen entstehen?

Alle diese Probleme sind real existent. Daran kann man erst mal wenig ändern, kurzfristig und mittelfristig am wenigsten. Aber mit den daraus resultierenden Folgen müssen wir umzugehen lernen. Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir uns um Flüchtlinge kümmern müssen. Das muss weltweit geschehen, wenn wir nicht wollen, dass sie bald vor unserer Haustüre stehen. Und wenn sie dort stehen, müssen wir Wege und Prozesse finden, damit umzugehen. Fair, vernünftig und effektiv.

Spiel ohne Grenzen

Was für eine Illusion, diese Probleme mit Mauern und Zäunen eindämmen zu wollen. Wie wenig wirksam das funktioniert, kann man ja an der Grenze der USA zu Mexiko beobachten. Und Europa hat unendlich lange Grenzen und unendlich lange Küstenlinien: 66.000 Kilometer. Und wenn es doch versucht würde: Wer will die Verantwortung für die Menschenleben übernehmen, die eine Abschottung mit Grenzwällen und (schießendem?) Grenzpersonal selbstverständlich kosten würde. Man stelle sich eine Gesellschaft vor, die nicht bis ins Mark bei Bildern von toten Kindern erschrickt.

Die Vorstellung, wie eine Gesellschaft aussehen würde, die sich hinter Mauern und Zäunen vor dem Ansturm von Verfolgten und Wohlstandssuchenden verschanzt, treibt mich am meisten um. Wir können ja beobachten, was der Abschied von der Idee, ein Einwanderungsland zu sein, aus den USA die letzten Jahrzehnte gemacht hat. Wir sehen, wie ein weltoffenes Land wie Israel, das hermetisch von seinen Nachbarn abgeschottet ist und unablässig neue Mauern zu den Palästinensern baut, sich gesellschaftlich verhärtet hat.

Exportgut Offenheit und Kultur

Ich habe dieses Jahr in China erlebt, wie egozentrisch und selbstvergessen ein Land funktioniert, dass so gut wie keine Fremdeinflüsse zulässt. So gern gesehen Ideen von außen sind, so wenig möchte man sein Land Fremden öffnen. Mit der Folge, dass zu wenig eigene Ideen entwickelt werden, dass Innovation, Kultur und Lösungskompetenz von anderswo her importiert wird. Wo man hinsieht, westliche Marken, wo man hinhört, westliche Musik.

Importiert werden Marken, Kultur und Innovation gerade auch aus Europa: diesem Schmelztiegel aus Kulturen, Sprachen, Denkweisen, Trends und Völkern. Dieser Schmelztiegel funktioniert aber nur mit offenen Grenzen und nicht als Gated Community. Austausch funktioniert nur mit einer Kultur des Vertrauens und nicht mit einer der Angst vor allem Fremdem und voller Misstrauen. Wir brauchen aber gerade Zutrauen und Selbstbewusstsein, um wirksam in den Austausch mit anderen Denkweisen und Kulturen gehen zu können, ohne Schaden zu nehmen.

Beschränktheit durch Mauern

Zäune und Mauern schaffen nur eine vermeintliche Sicherheit. Sie produzieren aber verlässlich Begrenztheit, Klaustrophobie, Angst und Beschränktheit. Wer einmal durch eine Stadt in Apulien spaziert ist zwischen lauter mit Flaschenscherben bewehrten hohen Mauern, der kennt die Beklemmung, die solch Bauwerke auslösen. Nach außen wie nach innen. Wie frei, beschwingt und glücklich bewegt man sich in Gegenden mit angedeuteten Zäunchen oder unbewehrten Gärten, in denen ein frei stehendes Gartentor allem Sicherheitswahn Hohn spricht.

Mir wird physisch unwohl, wenn ich mir vorstelle, wie solch eine hermetisch abgeschlossene Gesellschaft aussehen müsste. Was sie aus uns machen würde. Wie man in solch einer von Misstrauen geprägten Alltagswelt miteinander umgehen würde. Es wäre eine ängstliche, „fürchterliche“ Welt, die von einem Gegeneinander statt einem Miteinander geprägt wäre.

Natürlich bekommt man solch eine offene Welt nicht gratis. Sie kostet Mut, sie kostet Selbstvertrauen – und auch Geduld und gute Nerven. Unser Auto ist gerade die Tage in Italien aufgebrochen worden, Papiere, Handy und Geld sind weg. Unangenehm und nervig in der Wiederbeschaffung. Aber kein Grund panisch oder sauer zu werden. Nur vielleicht ein wenig umsichtiger.

Blauäugig und effektiv

Die Diebe, das waren Menschen, die Geld brauchten. Davon werden wir in Zukunft viele erleben, speziell wenn wir unsere Grenzen offen lassen. Ich halte es aber für besser, auch gerade ihnen eine Kultur der Offenheit und des Vertrauens zu offerieren. Wer eine Gesellschaft der Freiheit, Offenheit und des Vertrauens einmal kennen gelernt und genossen hat, wird vielleicht gerne mithelfen, sie zu verteidigen.

Vertrauenskultur: Nationen mit viel Vertrauen in andere.
Vertrauenskultur: Nationen mit viel Vertrauen in andere.

Das kann man blauäugig nennen. Oder als Gutmenschentum verurteilen. Mit geht es da auch gar nicht um Moral. Ich glaube einfach, dass Offenheit die effektivere Art der Sicherheit ist. Ich denke, dass sie die einzige Option ist, die Welt, die wir lieb gewonnen haben, in großen Zügen zu bewahren. Eine hermetische Gesellschaft, die sich luftdicht von der schlimmen Welt außen herum abdichtet, wird daran schlicht ersticken.

Die Zukunft holt mich ein


Trends 2015 – Ideen, Fakten Perspektiven

Manchmal überrascht der digitale Wandel selbst mich. Irgendwann vor ein paar Monaten erreichte mich eine Email vom Fischer Verlag, in der nachgefragt wurde, ob ich einem Reprint des Buches „Trends 2015“ zustimmen würde. Einzige Bedingung, drei Exemplare der damaligen Ausgabe zum digitalen Einlesen zur Verfügung stellen. Die Email kam von Fischer Digital, die das Buch, das Gerd Gerken und ich 1995 veröffentlicht haben, als eBook und als Reprint (on demand?) in Taschenbuchform neu auflegen wollten.

Trends 2015Und siehe da, heute wurden tatsächlich zwei gedruckte Belegexemplare geliefert. Das Buch ist als Ebook und als Taschenbuch bei den üblichen Verdächtigen (Amazon, Libri etc.) zu erwerben. Das freut mich wirklich. Ich denke aber, das Buch braucht eine kleine Bedienungsanleitung, um es zu verstehen – und gegebenenfalls wertzuschätzen. Die Kritiken zum Buch – teilweise noch im Netz – waren damals recht gut. Nur wenige Rezensenten lebten ihre generelle Aversion gegen Trendforschung und Zukunftsprognosen aus.

Die Zukunft der Zukunft

Ach ja, damals. Das Buch wurde in den Jahren 1991 bis 1994 geschrieben. Es entstand aus einer Artikelreihe in der Zeitschrift WIENER – Zeitschrift für Zeitgeist. Dort behandelten wir der Reihe nach Zukunftsszenarien für die unterschiedlichsten Themen. Von Zukunft der Liebe, Zukunft des Sex bis Zukunft des Sport oder Zukunft der Demokratie etc. Das Buch war dann eine Sammlung von überarbeiteten Versionen der Zeitschriftenartikel, um einige Themen und einen Einleitungs- und einen Schlussartikel – Die Zukunft der Zukunft – ergänzt.

1995 erschien das Buch als Paperback im Schweizer Scherz Verlag und verkaufte sich so gut, dass es 1998 von dtv als Taschenbuch herausgebracht wurde. Als Titel hatten Gerd Gerken und ich „Trends 2025“ gewählt. Das war dem Scherz Verlag zeitlich viel zu weit weg. Zitat: Keinen interessiert, was in 30 Jahren passieren wird. Also wurde der Titel zu „Trends 2015 – Ideen, Fakten, Perspektiven“ verjüngt. – So gesehen kommt der Reprint zeitlich richtig, nur eigentlich müsste er jetzt – endlich richtig – „Trends 2025“ heißen. Denn die Entwicklungen, die wir in dem Buch beschreiben, sind deutlich noch nicht abgeschlossen, sondern werden teilweise gerade im Moment erst virulent.

Multimedia statt Internet

Ich freue mich, dass das Buch jetzt wieder auf dem Markt ist. Für die Inhalte und Prognosen müssen wir uns nicht schämen. Im Gegenteil. Man muss das Buch nicht aus einer historischen Perspektive lesen – es bietet genug Polarisierungen und Provokationen, um auch noch heute lesenswert zu sein. Vor allem, weil wir mit einigen Prognosen ziemlich richtig lagen. Das lässt hoffen, dass wir auch beim Rest nicht so schlecht liegen – bei der Vorausschau bis in das Jahr 2025 – und darüber hinaus. Vor allem funktioniert das Buch besonders gut als Erklärung und Beschreibung  unserer Jetztzeit und der Gründe, warum es so gekommen ist – oder kommen musste.

Dabei weist das Buch eine große Kuriosität auf. Kein einziges Mal taucht im Buch der Begriff „Internet“ auf. Dieser Terminus war zu Redaktionsschluss Ende 1994 einfach noch nicht verbreitet und adaptiert. Wir haben uns im Buch bei der Beschreibung des „digitalen Zeitalters“ (Zitat!) mit Begriffen wie „digitale Kommunikationskanäle“, „Cyber“, „Virtualität“ und vor allem „Multimedia“ beholfen. Letzteres haben wir als interaktiv und immersiv definiert und als Ersatz für alle bisher existierenden Medien. Auch, dass dieses neue Hypermedium unser Sozialleben grundlegend ändern wird, haben wir prognostiziert. So gesehen haben wir das Internet und viele seiner Auswirkungen vorausgesehen – nur der Terminus war naturgegeben in den Jahren 1992 bis 1994 hierzulande noch nicht geläufig genug.

Auch bei einigen anderen Themen und Begriffen passiert das in dem Buch. So gut Zukunftsprognosen auch inhaltlich sein mögen. der Begriff, der sich dann letztlich durchsetzen wird, ist beim besten Willen nicht erahnbar. So hat das Buch an der einen oder anderen Stelle ein wenig – sprachliches – Patina angesetzt. Mich stört das nicht, im Gegenteil, es gibt dem Reprint fast ein wenig nostalgische Eleganz. Und es zeigt, wie schnell unsere Sprache auf die Veränderungen der Welt reagiert. Und trotzdem gibt es einige Begriffe, die bis heute auf eine schlüssige Benennung warten. Wir haben dazu einige brauchbare Vorschläge geliefert.

24 Kapitel über die Zukunft

Folgende 24 Themen behandeln wir in dem Buch :

  1. Schöne neue Welt – Einleitung für die Zukunft
  2. Die telematische Gesellschaft – Die Zukunft der Trends
  3. New Edge – Zukunft des Denkens
  4. Die Hyperrealisten kommen – Zukunft des Minds
  5. Die Generation von morgen – Zukunft der Generation X
  6. Die Liebe auf Probe – Zukunft der Liebe
  7. Cybersex und Sexpeace – Zukunft des Sex
  8. Das große Nagual – Zukunft der Freizeit
  9. Media goes Multimedia – Zukunft der Medien
  10. Bewusstsein durch Cyber – Zukunft der Kunst
  11. Die Bodyshow – Zukunft des Sports
  12. Spaß muss sein – Zukunft der Arbeit
  13. Family Business – Zukunft der Firmen
  14. Interfusion – Zukunft des Marketing
  15. Ode an den Code – Zukunft der Werbung
  16. Der Stoff, aus dem Gefühle sind – Zukunft der Mode
  17. Faster times, faster food? – Zukunft der Ernährung
  18. Der Fetisch der Mobilität – Zukunft des Autos
  19. Der Mythos des Homunculus – Zukunft der Gentechnologie
  20. Schluss mit Bambi – Zukunft der Ökologie
  21. Die freie Spiritualität – Zukunft der Religionen
  22. Das Ideal und der Ekel – Zukunft der Demokratie
  23. Neuentwürfe einer Ideologie – Zukunft der Ideologien
  24. Wir werden Schamanen, die träumen – Zukunft der Zukunft

Wie man sieht, sind wir keinem inhaltlichen Risiko aus dem Weg gegangen damals. Das ist vor allem das Verdienst von Gerd Gerken, der sich nie gescheut hat, auch kontroverse Themen sehr kontrovers, mutig und provokativ anzugehen. Ich bin ihm bis heute dankbar, dass er mich zwang, aus meiner ideellen und mentalen Komfortzone herauszukommen. Die ersten „gemeinsamen“ Kapitel waren noch ein Mitschreiben von meiner Seite mit dem Bemühen, Gerd Gerkens sehr eigene Sprache und Terminologie allgemein verständlich umzusetzen.

Raus aus der Komfortzone

Im Prozess der Arbeit an immer mehr Themen konnte ich mich dann mehr und mehr einbringen. Ich hatte immer besser gelernt. selbst kontrovers und „rücksichtslos“ zu denken – und zu schreiben. Am Ende der Entwicklung stand nicht nur dieses Buch, bei dem ich in Eigenregie das Einleitungskapitel schrieb – und Gerd Gerken standesgemäß das Schlusskapitel. Am Ende der Entwicklung stand auch meine Kündigung beim WIENER. Man muss nur das Kapitel „Zukunft der Medien“ lesen, dann versteht man, warum. Ich wechselte damals 1993 zur Werbeagentur „Scholz & Friends“ nach Hamburg, um dort deren Abteilung „Trend Research“ aufzubauen.

Und wie es das Schicksal so wollte, kam dann ein großer Trend auf, den man in Deutschland damals nicht ernst nehmen wollte (oder konnte): das Internet. Ich hatte so meine Probleme, meine Kunden von diesem Trend und seinen Implikationen zu überzeugen. Also arbeitete ich mich tiefer und tiefer in die Materie ein – und war dann plötzlich einer der wenigen „Experten“ fürs Internet in Deutschland – und wurde als Chefredakteur von Europe Online nach München abgeworben. Das war 1995, vor 20 Jahren. (Dazu bald mehr – hier an dieser Stelle.)

Gerd Gerken – der Urvater der deutschen Trendforschung

Ach ja, es wird heute dann doch Menschen geben, die Gerd Gerken nicht kennen. Ende der 80er- Jahre und in den 90er-Jahren war er ein gesuchter Coach (damals war der Begriff noch nicht so herabgewirtschaftet wie heute) und ein erfolgreicher Buchautor mit mehr als einem Dutzend Büchern über neues Marketing, Business, Firmenführung – und er war der erste ernst zu nehmende Trendforscher Deutschlands. Von ihm haben alle Trendexperten hierzulande gelernt. Nicht nur ich, auch Matthias Horx und etliche andere.

Gerd Gerken und ich arbeiten bis heute in unterschiedlichsten Projekten zusammen. Nicht mehr publizistisch, das ist nun mein Part. Aber wir versuchen, in immer neuen Projekten die Möglichkeiten der digitalen Kommunikation möglichst weit auszureizen. So gesehen war das Buch das Beste, was mir passieren konnte. Schön, dass es es jetzt wieder gibt. – Ich lese mich gerade wieder in ihm fest…

Die Zeit macht „Mmmmmh“


Wo ist die Zeit geblieben? Hat sie ein Zuhause?

Gerade in diesem Moment poppt in der Facebook-Timeline von Peter Glaser der Satz auf: „Bei euch macht die Zeit tick-tack, tick-tack. Bei uns macht sie Mmmmmh.“ Es gibt solche absonderlichen Momente spontaner Weisheit. Immer öfter. Im Internet. Ein Satz steht im Raum, noch nie zuvor gehört oder gelesen. Aber es ist, als hätte er schon seit langem einem selbst auf der Zunge gelegen. – Zunge? – Oder wo man halt sonst sein Zeitgeistgespür verorten mag.

iStock_000017987518LargeAlles jammert, dass die Zeit immer schneller verrinnt. Dass sie sich beschleunigt – und mit ihr unser alltägliches – allzeitliches – Leben. Das ist das Schöne an kontinuierlicher Beschleunigung. Irgendwann kommt da selbst die Zeit nicht mehr mit. Dann löst sie sich auf. Aus dem „Tick-Tack“ wird ein rhythmusloses, losgelöstes Seufzen, Brummen, ein ratloses „Mmmmmh“. Und das ist schön. Die Zeit bleibt da nicht stehen, aber sie macht sich auf eine eigene Art überflüssig – und unwichtig. Auch an der Zeit nagt der Zahn der Zeit.

Die Zeit hat sich seit der Digitalität immer weiter aufgelöst. Sie hat ihr Zuhause verloren. (Daher auch immer wieder die Frage: Wo ist die Zeit geblieben?) Das Nacheinander von Informationen ist dem Nebeneinander, Übereinander und Durcheinander von Zeitigkeit, von Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit gewichen. Die Zukunft wird zunehmend von der Gegenwart eingeholt. – Traut sich noch jemand „Zukunftsforscher“ zu nennen? Und welche Zukunft will er noch prognostizieren? Die von heute? Morgen ist doch sowie schon fast vorbei. Und findet das überhaupt statt?

Zeitreise zurück im Gedankengang

Die Verschiebung von heute, morgen, gestern ist für Zeitungsleser jeden morgen Alltag. Mehr als die Hälfte der Nachrichten sind Déjà vu. Hat man doch alles längst schon gelesen und gesehen. Ein weiteres Viertel der berichteten Wirklichkeit trägt eine seltsames Patina. Man ist selbst doch schon längst sehr viel weiter mit seinen Gedanken. Man muss, wenn man denn dazu bereit ist, den Gedankengang mühsam wieder zum Stand des jeweiligen Autoren zurückgehen. – Und nur ganz, ganz wenig ist in der alltäglichen Zeitung nach vorne gedacht. (Am Wochenende in der Süddeutschen ist der Anteil angenehmerweise deutlich höher.)

So verrutscht unser Zeitempfinden immer dramatischer. Und von wegen „Tick-Tack“. Wir haben uns doch längst von dieser Rhythmik befreit. Wer auf sich hält, trägt keine Armbanduhr mehr. Das sichtbarste Zeichen eines digitalen Commitments ist die blanke Handfessel. Es sei denn man ist iOS-hörig und schraubt sich nun dort eine Smartwatch an, die nicht tickt und auch nur bestenfalls 18 Stunden lang am Stück die Uhrzeit zeigt, bevor sie mangels Saft verglimmt. Stumm. Ganz ohne mmmmmh.

Der Jetlag des Prekariats

Schnell ganz schnell musste die Smartwatch auf den Markt, ehe sich zu viele Menschen an eine uhrlose Handfessel gewöhnen. Dann wäre der letzte Platz, gerade Männern Geld für ein kleines Stück Körperschmuck abjagen zu können verloren gewesen. Und die Zeitlosigkeit wäre zur grundexistenziellen Grunderfahrung avanziert. Der reinste Horror Vacui, nicht nur für Juweliere.

Apple weiß, dass die Uhrzeit am wenigsten interessant ist an der Apple-Watch. Die bekommt man dann ja auch gratis. Man zahlt aber mit den persönlichen Daten der täglichen Lebensführung, den Leistungsdaten der Fitness-Apps – und natürlich dem eCommerce-Know how der Payment-App. Zeit ist unwichtig, die Daten sind der Schatz, den es zu heben gilt. Das Leistungsprinzip wird neu definiert. Statt Arbeit pro Zeit gilt nun Datendichte pro User.

Die Befreiung der Zeit

„Time is on my side!“ – singen die Rolling Stones – „yes it is!“ Und weiter: „Now you all were saying that you want to be free.“ Eine schöne Weisheit. (Stammt nicht von den Stones, sondern von Textautor Jerry Ragovoy.) In der digitalen Welt ist Zeit fast immer das Jetzt. Eines, das uns hetzt, wenn wir nicht aufpassen. Dann ist es geschehen um unsere Freiheit. Das Jetzt kann man aber auch zu genießen lernen. Wir üben das, indem wir gleichzeitig ganz viele Jetzte beobachten. Bei Facebook, Twitter & Co.. Jetzt in Bild, Ton, Text und Video. Ein fraktales, über alle Welt hinaus zersplittertes Jetzt. Ein Jetzt, an dem stets noch ein bisschen Flaum dran klebt. Ein kleiner Gruß aus der Zukunft – beziehungsweise, was davon noch übrig geblieben ist.

Was machen aber nun die Menschen, bei denen die Zeit noch „tick-tack“ macht und nicht „mmmmmmh“. Die noch den Stechschritt der Zeit brauchen, um sich in der Welt heimisch zu fühlen? Was tun, wenn man Angst vor der Auflösung der Zeit hat? Wenn man noch diese drög konventionelle Aufteilung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft braucht, um sein Leben zu organisieren? Wohin mit der Zukunftsangst, wenn es keine Zukunft mehr gibt? Und was tun mit den wehmütigen Erinnerungen, wenn die Gegenwart einen mit so vielen, auch schönen Bilder bombardiert – und die Wissenschaft längst beweist, dass alle Erinnerungen irgendwie Einbildungen sind?

Also ich habe den Verdacht, dass das mit einem auf Logik und Zack getunten Gehirn nicht so recht funktionieren mag. Eher mit einem sehr relaxten Mind, der gerne mal im „mmmmh“-Modus läuft. Ein wacher, aber absichtsloser Geist, der sich kindlich über die Ereignisintensität einer immer fraktaler werdenden Gegenwart freuen kann. Und ein kreativer Geist, der die Masse an Input genießt – und kreativ das Beste daraus macht: noch mehr Jetzt. Noch mehr „Mmmmmh“.

Damit fangen wir gleich mal an. Jetzt! – Mmmmmh…

Das böse, böse, böse Internet


Kritik am Internet – unter allem Niveau

Das hat das Internet nicht verdient. Wirklich nicht. Es hat einfach miserable Kritiker. Und sie werden immer schlechter. Aber das niedrige Niveau der Kritik am Internet hilft beiden interessierten Seiten. Den Digitalphobikern, weil sie es sich weiter in ihrer Modernitäts-Allergie und Technologie-Angst gemütlich machen können. Und es kommt zugleich den Internet-Technologen und -Magnaten zupass, weil sie dank solch zahnloser, nur Vorurteile wiederkäuende Kritik völlig ungestört weitermachen können und so gut wie nie kompetent (!) hinterfragt werden. Eine reverse Win-Win-Situation…

Andrew Keen
Andrew Keen

Zu Beginn des Internets, in den 90er-Jahren, war in den deutschen Medien immerhin noch ein Joseph Weizenbaum der bevorzugte Kritiker des Internet. Sein eigentlicher Gegner waren der Computer an sich und die künstliche Intelligenz. Und hier waren seine warnenden Worte nicht so falsch. Aber da Internet-Kritik höher nachgefragt war, bediente Weizenbaum auch diesen Markt. Er nannte also das Internet einen „Schrotthaufen“ mit nur 10 Prozent „Perlen und Goldgruben“. Den Term „Schrotthaufen“ hörte die non-digitale Intelligenzia hierzulande nur allzu gerne. Dass 10 Prozent Perlen bei der Unmenge der Inhalte im Netz ein ungeheurer Fundus ist, wurde geflissentlich übersehen.

Vom Paulus zum Saulus

Den nächsten Heroen der Internet-Kritik gab dann Jaron Lanier. Er wurde umso mehr geliebt, weil er einst Internet-Wunderkind war und erst zum Kritiker mutierte. Aussagen von ihm wie: „Du bist nicht der Kunde der Internetkonzerne. Du bist ihr Produkt.“, gehen hierzulande runter wie geschmolzene Platinen. Was dabei aber übersehen wird, ist die Tatsache, dass Lanier nicht das Internet an sich kritisiert, sondern speziell seine derzeitige (hyper-)kapitalistische Ausgestaltung.

Fachlich waren bzw. sind Weizenbaum und Lanier unbestritten. In ihren Thesen waren sie nie um Deftigkeit und Knalligkeit verlegen, aber all ihre Kritik hatte noch irgendwie Hand und Fuß. Es war eher die Rezeption, speziell in Deutschland, die ihre Kritik problematisch machte. Ihre Argumente wurden stets auf Plattitüden verkürzt, wo sie doch eher als Anstöße für eine fruchtbare Diskussion geeignet waren. Vor allem aber hatten beide intellektuellen Esprit.

Wer verkauft Daten

Die kann man Andrew Keen keineswegs attestieren. Der füllt zur Zeit die kurzzeitig vakante Position des Internet-Bashers in Deutschland aus. Seine Kompetenz ist der Start eines obskuren, längst gescheiterten Internet-Start up. Seitdem lebt er von seinen Büchern, die er eifrig auf Vortragstourneen zu vermarkten weiß. Zuerst nahm er in „The Cult of the amateur“ („Die Stunde der Stümper“) Wikipedia aufs Korn, jetzt ist es in „The Internet is not the answer“ das Internet selbst, speziell aber Social Media, an dem er sich abarbeitet. Mit arg unzulänglichen Mitteln. Wie billig und auch falsch seine Kritik ist, zeigt ein Interview mit ihm in der Süddeutschen Zeitung vom 21./22. Februar 2015. (Natürlich nicht online.)

1. Zitat Keen: „Firmen wie Google und Facebook verkaufen unsere Daten im Netz.“ – Das stimmt doch so nicht. Es gibt genug Firmen, die Daten verkaufen. Adresshändler, Datenaggregatoren und natürlich auch alle unsere Medienhäuser. Und die verkaufen Daten seit ewigen Zeiten und auch schon vor der Internet-Zeit: Etwa frei zugängliche statistische und persönliche Informationen, Kreditkartendaten etc. Richtig ist, dass Google, Facebook – und auch Apple – mit Daten Geld verdienen. Aber nicht indem sie Daten verkaufen, sondern personalisierte Werbung in Auktionen zu Geld machen. Das kann man in Frage stellen. Aber wer behauptet: Google & Co. verkaufen Daten, macht es sich zu leicht, bedient tumbe Ressentiments – und verdummt seine Leser.

Der Job-Vernichter Internet

2. Zitat Keen: „Das Internet zerstört alte Berufe, ohne dass es neue schafft. Die Internetökonomie zerstört nur.“ Das stimmt so nicht. Das Internet schafft unglaublich viele neue Einkommensmöglichkeiten, auch viele neue Berufe. Vor allem verwechselt Andrew Keen die Digitalwirtschaft mit der Internetökonomie. Das zeigt sein gern genutztes Beispiel des Filmherstellers Kodak, bei dem 134.000 Arbeitsplätze verloren gingen. Daran war nicht Instagram schuld, wie er behauptet, sondern die Digitalisierung der Fotografie. Warum behauptet Keen solchen Unfug? Instagram hilft nur, die sowieso digital geschossenen Fotos netzwerktauglich zu verbreiten.

3. Oder Keen über Twitter: „Dieser permanente Schwall an 140-Zeichen-Nachrichten, voll von selbstreferenziellem Narzissmus. Jeder spricht dort immerzu mit sich selbst.“ Dieser Vorwurf würde bei vielen Facebook-Accounts sicher stimmen, aber nicht bei Twitter. Genau deswegen hat Twitter auch nicht ansatzweise dieselbe Verbreitung wie Facebook. Twitter ist ein hervorragendes Micro-Distributions-Tool, ideal für Recherche, ideal für inhaltlich wertvolle Updates. Und jeder kann sich ganz leicht gegen Dampfplauderer wehren: einfach entfolgen. – Hat Keen Twitter nicht verstanden, oder warum behauptet er solchen Unsinn?

Blanke Banalitäten 

4. Zitat Keen: „Demokratie und Internet sind ein Widerspruch in sich. Man sagt ja immer, das Netz gäbe auch Milieus eine Stimme, die vorher keine hatten. Das ist ein sehr herablassender Gedanke. Die Menschen in Demokratien hatten immer eine Stimme.“ – Fragt sich, wie Keen zu so etwas kommt? Einzelne Stimmen wurden vor dem Internet wirklich nicht gehört. Und es wurde die Stimme auch gar nicht erst erhoben, weil man Ohnmacht spürte. Man ahnte ja nicht, wie viele Menschen etwa ähnlich dachten und fühlten. Heute ist das dank des Internets möglich. Dass das auch unsinnigen und politisch unliebsamen Protest möglich macht, ist die Kehrseite einer aber generell sehr ehrenwerten Medaille.

Aber so etwas passt natürlich nicht in das sehr einfach gezimmerte digitale Weltbild eines Andrew Keen. Schade drum. Durch seinen Hang zu simplen Ressentiments nimmt er vielen Themen, die es verdienten diskutiert zu werden, jede Chance. Keen geht es nicht darum, das Internet besser zu machen, sondern nur darum, seine Bücher zu verkaufen. Das ist legitim. Aber noch lang kein Grund, ihm zuhören zu müssen. Es ist faszinierend zu beobachten, dass die etablierten Medien es dennoch so gerne tun.

Tim O’Reilly, Internet- und Social 2.0-Vordenker – und Kongress-Veranstalter, hat das Phänomen Andrew Keens gut auf den Punkt gebracht: „Nach meiner Einschätzung geht es ihm einfach nur darum, einen Dreh zu finden, irgendeine Kontroverse loszutreten, um dazu ein Buch zu verkaufen. Seiner Kritik geht stets jede Substanz ab.“

Adriatische Stimmung


Frank Schirrmachers mediterrane Vision

„Ich möchte, dass wir unseren Plan verwirklichen. Adriatische Stimmung des Lebens: also mediterran sonnig.“ So lautete eine SMS von FAZ-Feuilleton-Chef Frank Schirrmacher an Springer-Vorstand Matthias Döpfner kurz vor seinem Tod Juni 2014. Er konnte nicht mehr ausführen, was er speziell als adriatische Stimmung verstanden hat. Eher erstaunlich so ein Satz bei der dystopischen Ausrichtung seiner letzten Bücher. Wie dem auch sei – ich lebe jetzt wieder zehn Tage lang an der Adria. Es ist sonnig. Landschaft, Himmel und Essen sind mediterran. Ich mache mich mal auf die Suche nach der adriatischen Stimmung.

Am Strand der Adria - in Cupra Marittima.

Adria, das sind zur Zeit brennende Fähren, das sind Flüchtlinge, die übers Meer kommen, das sind geborstene Asphaltstraßen, das sind Missernten (Wein, Oliven) – und immer mehr geschlossene Geschäfte und Restaurants. Die Krise in Italien hat die letzten Ersparnisse aufgezehrt. Es finden aber keine Insolvenzen statt, man einigt sich lieber. Denn in Italien wird mangels Liquidität gerne mit Wechseln bezahlt. Dabei entstehen regelrechte Wechsel-Ketten. Wenn aufgrund einer Insolvenz Wechsel platzen, bricht die komplette Kette in sich zusammen. Das will keiner.

Die stille Krise

In Italien macht man wegen wirtschaftlicher Engpässe kein großes Gedöns. Zum einen verbietet das ausgeprägte Bedürfnis, nach außen hin stets eine gute Figur (bella figura) abzugeben, jedes laute Wehklagen und Jammern. Zum anderen hilft man sich, so gut es geht, gegenseitig. In der Familie – und auch darüber hinaus. Hier ein kleiner Job, dort eine kleine Verdienstmöglichkeit. Das ist dann die positive Seite der in Italien allgegenwärtigen Schattenwirtschaft: Es geht immer ein bisserl was.

Proteste gegen die Sparpolitik der italienischen Regierung erleben nur die großen Städte. Dort sind die von den Gewerkschaften organisierten Demonstrationen Teil des politischen Kasperltheaters: Beppe Grillo gibt den Kasperl – in der anarchischen Version. Silvio Berlusconi ist das Krokodil – il caimano ist sein Spitzname. Matteo Renzi versucht sich mal in der Rolle des Prinzen und dann wieder des Zauberers. Die Rolle des Wachtmeisters (bzw. Steuereintreibers) ist nicht besetzt.

Die Schönheit des Südens

Adria im Januar: Nach Stürmen und Kälte herrscht jetzt milde Wärme und ein wunderbares Farbenspiel der flacher einkommenden Sonnenstrahlen: mal gelbes, mal rotes, mal weißes Licht, das die immergrüne Landschaft in stets neuen Nuancen ausleuchtet. Mal ganz klar, mal von Dunst gefiltert. Die Strände leer von Menschen. Überall ein wenig Strandgut: von der Natur geschaffene kleine Kunstwerke aus Holz und Stein, versetzt mit buntem Plastikmüll. Und von der Ferne grüßen die schneebedeckten Berge des Apennin.

Die Adria-Landschaft im Winter: das sind frisch gepflügte braune Felder. Das sind absurd verdrehte nackte Baumskulpturen  der Feigenbäume. Das sind silber glänzende Olivenhaine und sattgrüne Wiesen. Das sind dunkelgrüne Orangen- und Zitronenbäume, in denen massig reife Früchte in gelb und orange aufblitzen. Nicht mehr lange, dann verkünden  die Mimosen in knalligem Gelb den Frühling.

Lebensfreude und Krise

Vielleicht entsteht genau hier ein erster, brauchbarer Ansatz für eine Definition der Schirrmacherschen „Adriatischen Stimmung“: Es geht uns gut, obwohl die wirtschaftlichen Voraussetzungen dazu eigentlich fehlen. Oder anders herum: Krisen sind schlimm genug. Aber doch noch lange kein Grund, sich sein Leben vermiesen zu lassen. Oder ein dritter Definitionsansatz: Wie sollen wir die schwierigen Zeiten, die uns drohen, vernünftig bewältigen, wenn wir dabei vergessen, das Leben und all seine Annehmlichkeiten so gut und so bewusst wie möglich zu genießen.

Es geht nicht um Verdrängung, es geht nicht darum, sich die Welt schön zu träumen, wo sie nicht schön ist. Aber umgekehrt macht notorisches Jammern schnell blind für die Schönheiten der Welt, versperrt Miesepeterei die Sicht auf positive Ansätze. Angst essen Seele auf, Sorge verengt Perspektive, Pessimismus hemmt Kreativität, Trübheit verdunkelt den Blick.

Nietzsche im Süden

Unser des Optimismus und der Schönmalerei völlig unverdächtiger Philosoph Friedrich Nietzsche hat auf seiner Italienreise 1882 das deutsche Talent, seinem Glück, einem gelungenen Leben und gesunder Zuversicht wirksam im Wege zu stehen, sehr schön in seinem Gedicht „Im Süden“ beschrieben. Hier seine Empfehlung, die Seele das Fliegen zu lehren:

„Nur Schritt für Schritt – das ist kein Leben,
stets Bein vor Bein macht deutsch und schwer.
Ich hieß den Wind mich aufwärts heben,
ich lernte mit den Vögeln schweben, –
nach Süden flog ich übers Meer.

Vernunft? Verdrießliches Geschäfte!
Das bringt uns allzubald ans Ziel!
Im Fliegen lernt ich, was mich äffte, –
schon fühl ich Mut und Blut und Säfte
zu neuem Leben, neuem Spiel …“
(Nietzsche – Die fröhliche Wissenschaft)

Die Seele fliegt

Der deutschen Schwere setzt er ein wunderbar poetisch beschriebene italienische Landschaftsidyll entgegen. Adriatische Stimmung pur:

„Das weiße Meer liegt eingeschlafen,
und purpurn steht ein Segel drauf.
Fels, Feigenbäume, Turm und Hafen,
Idylle rings, Geblök von Schafen, –
Unschuld des Südens, nimm mich auf!“

„Die Unschuld des Südens“, ob sie Angela Merkel je bei ihren Urlauben in Südtirol oder auf Ischia kennengelernt hat? Ob sie sie je verstanden hat? Ob sie sie zu lieben gelernt hat? Und wenn ja: Warum verdrängt sie dieses wundervolle Gefühl immer wieder so erfolgreich? Und wie Sie so viele andere Menschen?

Wir haben Friedrich Nietzsches Zeilen an der Wand unseres Wohnzimmers in unserem Haus in den mittel-italienischen Marken verewigt. Hier sind wir nur drei Kilometer von der Adria entfernt. Hier laden wir uns mit Zuversicht und neuen Ideen auf. Adriatische Stimmung des Lebens. – Danke, Frank Schirrmacher!

Ich wünsche allen meinen Freunden, Lesern und Begleitern Freude und Zuversicht für das Jahr 2015 – und darüber hinaus.

Das Talent der Integration


Fremd ist der Einheimische auch in seiner Heimat

Fremd ist der Fremde in der Fremde. Stimmt nicht immer. Manchmal können sich Einheimische ganz schön fremd in ihrer Heimat fühlen. In unserer Familie ist das ein bestimmendes Merkmal. Mein Vater war 14, als er seine Heimat Westpreußen verlassen musste. Die Konitzers lebten damals am falschen Ufer der Weichsel. Die wurde nach dem Ersten Weltkrieg den Polen zugesprochen. Und darum hieß es Abschied nehmen – und ein neues Leben in Herne, Westfalen, zu beginnen.

1,5 Millionen wurden 1918 allein aus Westpreußen vertrieben
1,5 Millionen Menschen wurden 1918 allein aus Westpreußen vertrieben

Mein Vater hat darüber nur wenig erzählt. An das laute Krachen der Eisschollen der im Winter zugefrorenen Weichsel erinnerte er sich. Und auch von seiner neuen Heimat erzählte er wenig. Aber es sagt einiges, dass er den vom Vater ausgesuchten Beruf des Bergbau-Ingenieurs nicht verfolgte, sondern lieber eine Verwaltungsschule besuchte. Sein Ziel war es, Beamter zu werden, vorzugsweise in Berlin. Im Patentamt dort.

Der Saupreiß auf der Wiesn

Die nächste Vertreibung folgte dann nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Familie meiner Mutter musste aus Schlesien fliehen. Über St. Veit in Österreich nach Kirtorf in Hessen, weiter nach Arnsberg in Westfalen und dann endlich nach München. Hier durfte ich dann durchaus erleben, wie fremd sich man sich als „Flüchtlingskind“ in Bayern fühlen konnte. Den Spruch „wir haben Euch nicht eingeladen“ habe ich schon zu hören bekommen. Auf der Wiesn wollte ein Betrunkener meinen Vater verprügeln, weil er „ein Saupreiß“ war und nicht hierher gehört. Die Umsitzenden schritten ein. Ihr bestechendes Argument war ich: „Gib a Ruah. Schau der Bua red doch Bayrisch!“

Es gibt nur wenig Länder, die so oft Flüchtlingsströme und mit ihnen fremde Kulturen integrieren mussten, wie Deutschland. Unsere Lage in der Mitte Europas und unsere kriegerische Vergangenheit waren oft genug Grund dafür. Und wir sind nicht schlecht damit gefahren. Unser föderales System, das die Unterschiedlichkeit unserer Stämme und ihrer Kulturen bewahren soll, hat sich bewährt. Andere Länder mit brennenden inneren Integrationsproblemen beneiden uns darum.

Know how- und Work how-Transfer

Das geballte technologische Wissen eines Mittelstandes, das uns bis heute zum Exportweltmeister macht, hat auch seine Ursache in der Integration von unterschiedlichsten Einwanderern. Von den Hugenotten bis zu den Banater Schwaben haben wir so Fachwissen und Fachkräfte ins Land bekommen. Und wie oft haben wir Fremdarbeiter integriert. Nicht erst in den 50er-Jahren. Polen haben wir schon längst vorher als Bergarbeiter ins Ruhrgebiet geholt. Teilweise sind sie dann – wie Stan Libuda – auch Fußballheroen geworden.

Fragt sich, wie die Integration dieser vielen Generationen von Menschen mit mangelnden deutschen Sprachkenntnissen, mit fremden Religionen und völlig anderen Kulturen immer wieder gelungen ist. Und zwar von Massen von „Fremden“. Sicher gab es da auch Repression. So waren die Zeiten einst. Aber das ist auch einfach durch offenes Miteinander, durch Annäherung via Kennen- und Verstehen-Lernen passiert. Voraussetzung dafür war aber eine Bereitschaft zur Offenheit und eine Neugier auf Fremdes (jenseits von Touristik).

Preußisch-bayerische Freundschaft

Ich habe die Integration ja optimal selbst erlebt. Warum konnte ich so gut Bayerisch, dass ich meinen Vater quasi retten konnte? Das haben mir die Nachbarsbuben beigebracht. Denn unsere Nachbarn in der Reihenhaussiedlung in Berg am Laim waren nicht nur waschechte Bayern, nein sogar Münchner – ganz genau sogar Berg am Laimer. Aus einem respektvollen Nebeneinander ist da ganz schnell ein Miteinander und dann eine tiefe Freundschaft geworden, die bis heute anhält.

Wir, die Preußen, haben gelernt, wie locker Bayern sind, wie gastfreundlich und hilfsbereit. Die Bayern haben gelernt, wie heftig und nachhaltig schlesische Gastfreundschaft sein kann und wie heiter und gelassen (West-)Preußen mit Ruhrgebietserfahrung sein können. Das Ende vom Lied: Bayern musste zugestehen, dass Schlesier die besseren Krapfen backen können. Und mein Vater war dann lange Jahre Vorsitzender des Bezirksausschusses in Berg am Laim. Ich wiederum hatte einen Münchner als Firmpaten und später eine Münchnerin als Frau. (Nun gut, das hat sich dann einmal geändert: Aber dafür bin ich jetzt voll in Berlin integriert.)

Deutschland, das Zuwanderungsland

Wir sind heute wieder Zuwanderungsland. Kaum  ein anderes Land in Europa nimmt so viele Flüchtlinge auf wie wir. Und das ist gut so. Wir haben einst die Schah-Flüchtlinge aus dem Iran und zuletzt die Kriegsopfer aus dem Kosovo und den anderen Krisenregionen des Balkan aufgenommen und integriert. Entsprechend müssen wir heute den Opfern des Syrien-Krieges zur Seite stehen. Aber stolz darauf kann man nicht sein.

Es ist traurig zu sehen, dass wir so wenig Zuversicht haben, Menschen, Können und Kulturen zu integrieren. Oder anders formuliert, dass wir nicht an unser Talent, integrieren zu können, glauben und die Bereitschaft, es aktiv zu tun, vermissen lassen. Solche „Initiativen“ wie die Montagsdemonstrationen (ausgerechnet!) der Pegida sind zu traurig, um daran Wut zu verschwenden. Die Absichten der Initiatoren sind durchsichtig, traurig macht die Tausendschaft der Mitläufer. Selbst wenn man den Faktor Staats- und Politik-Verdrossenheit als mildernde Tatsache einrechnet, ist solch verblendete Bürgeraktivität deprimierend.

Politisches Versagen

Natürlich ist das auch ein drastischer Fall von Politikversagen. Zu viele Politiker spielen hier aktiv mit dem Feuer. Wer wie die Rechtsausleger argumentiert, wie die CSU samt Seehofer Horst, der vernichtet beim fremdenskeptischen Klientel unseres Landes auch den letzten Rest an Permissivität. Der macht es den Rattenfängern so leicht, eine dann nicht mehr schweigende Masse im üblen Sinne zu aktivieren. Da reichen schon 1 bis 3 Prozent friedliche Muslime um erfolgreich Islamistenangst zu  schüren. Absurd.

Aber nur um Nuancen weniger schuldhaft ist die Klientel an Politikern, die sich in nichtssagende Floskeln zur Integration flüchtet. Es ist verständlich, dass Politiker an ihrer Wiederwahl interessiert sind. Aber deshalb dürfen sie trotzdem nicht so heillos vor dem wichtigsten Thema der nächsten Jahre flüchten wie Angela Merkel & Co.. Zuwanderung, Kriegsvertriebene, Armutsflüchtlinge etc., das sind die Themen der Zukunft.

Fakten zur Krisen-Zukunft

Die Fakten, die unsere nahe (!) Zukunft bestimmen werden, sind bekannt, werden aber notorisch stillgeschwiegen. Wir werden bald 8 Milliarden Menschen auf dem Planeten sein – auf dem Weg zu 10, 12 oder gar 15 Milliarden. Und das alles in unserer Lebensspanne. Die Verteilkämpfe um Lebensmittel und vor allem um Trinkwasser sind absehbar, ja erwartbar. Das gleiche gilt für Land, Wohnraum und Energie, für Rohstoffe und Edelmetalle. Die Situation wird durch den Klimawandel noch verschlimmert: steigenden Meere, veränderte Klimazonen, Versteppung etc. Das alles wird zu einer Völkerwanderung nie gekannten Ausmaßes führen. Dagegen hilft nicht Gewalt, helfen nicht Gesetze. Da hilft nur Hilfe vor Ort und Integrations-Knowhow.

Diese Probleme müssen die heute regierenden Politiker dann nicht mehr verantworten. Vielleicht deswegen deren Wurschtigkeit. Aber sie verantworten die Sinneslage der Menschen heute. Da ist es mit ein paar Sonntagspredigten und mit Leerhülsen aus dem Betroffenheits-Duden nicht getan. Da muss Tacheles geredet werden. (Herr Gauck, Ihr Einsatz!?) Da muss Mut gemacht werden. Da müssen die Ängste und Bedenken ernst genommen werden. Und dann muss Mut gemacht werden. Denn klar, eine Integration gibt es nicht ohne Konflikte und Krisen. Aber ohne sie kommt es zu Krisen und Konflikten in einer Intensität, wie sie keiner von uns erleben will. Denn dann werden auch wir wieder ganz schnell Fremde in einer Fremde.

 Kleiner Nachtrag

Diesen Sommer war der 18-jährige Sohn unserer Nachbarn in Italien, Valerio, zehn Wochen zu Besuch in München. Am Anfang war er von der Fremde und der Größe der Stadt wie paralysiert. Aber sein Deutschkurs und sein Ferienjob (Eisverkäufer, was sonst), haben ihn schnell in München heimisch fühlen lassen. Er wird wiederkommen.

Ich habe ihn gefragt, was ihn hier am meisten beeindruckt hat? Seine Antwort kam spontan: die Freundlichkeit der Menschen. Alle wären immer nett gewesen, hätten gelächelt und sich gefreut. Für mich ein ungewohnter Blick auf uns Deutsche. Aber wir haben wohl tatsächlich Talent, Fremdes und Fremde zu mögen. Bei Italienern fällt es uns leicht. Jetzt müssen wir halt noch lernen, zu fremden Fremden freundlich zu sein.

Der ganz normale Nomadismus


Nicht nur Menschen werden zu Nomaden. Auch Business, Besitz und Job.

Ich bin ein Nomade. Wenn ich mir meinen Kalender 2014 ansehe, war ich deutlich weniger als die Hälfte des Jahres „zu Hause“. Also an dem Wohnsitz, an dem ich „gemeldet“ bin, in Erding. Den Rest des Jahres war ich an meinen beiden alternativen Wohnsitzen in Italien und Berlin. Ich war auf Reisen, habe auswärts Businesstermine gehabt und habe bei Freunden übernachtet – und dort z. B. Kinder gehütet.

Mir erscheint solch ein Leben heute völlig normal. Vor 20 Jahren war das als Idee ganz hip. Aber noch vor 10 Jahren wäre mir das stressig vorgekommen. Heute ist es meine Normalität. Eine Normalität, die ich liebe. Ich liebe es, nach Italien aufzubrechen. Aber von dort kehre ich genau so gerne wieder nach Bayern zurück. Und wenn die nötige Dosis Großstadt fehlt, geht es nach Berlin – oder eine in eine andere Weltstadt wie zuletzt Wien oder New York.

Der Kokon der Hotels

In Hotels bin ich dabei höchst selten. Meist nutzen meine Frau und ich eigene Wohnungen oder welche von Freunden – oder von Airbnb. (Wobei wir dabei auch schon einige „Freundschaften“ mit den Vermietern geschlossen haben.) Dieses Wohnen lässt einen wirklich in eine Stadt eintauchen und dessen Energie erleben. Hotels vermitteln immer nur eine unangenehm seltsame, distanziert Annäherung an eine Stadt, keine direkte, authentische Immersion. Man kauft nicht ein, erlebt keine Lebensgeräusche und -gerüche. Man lebt in einem aseptischen Kokon.

Das nomadische Leben ist natürlich kein Zufall, weil auch mein Berufsleben als freier Journalist und Berater sehr nomadisch geworden ist. Auftraggeber sind über das Land verteilt, in München, Berlin und anderswo. In Wahrheit verdiene ich zeitweise mehr Geld in Berlin als anderswo. Und weil es das Schicksal gut mit mir meinte – Augen auf bei der Berufswahl! – kann ich heute überall arbeiten, wo ich Strom und Internetzugang habe. Also auch im Ausland.

Nomadische Jobs und nomadisches Geld

In Wahrheit habe ich gar keinen festen Beruf mehr. Ich stöpsle immer mehr herum, wenn ich nach meinem Beruf gefragt werde. Ein Mix aus Autor, Herausgeber (Annual Multimedia), Redakteur, (Video-)Produzent, Berater, Konzeptionist, Website-Administrator, Kommentator – ja und Ölbauer und Olivenöl-Vertreiber. (Irgendwas vergessen? Wahrscheinlich ja.)

Solch ein Mix bringt meine Bank immer an den Rand der Verzweiflung. (Und in der Folge dann bisweilen auch mal mich.) Es kommt immer Geld herein, aber selten regelmäßig. Und in extrem unterschiedlicher Intensität. So gesehen ist auch mein Besitz sehr nomadisch geworden. Eine wunderschön euphemistische Beschreibung für den Mix aus unterschiedlichen Zahlungsterminen und bisweilen arg säumiger Zahlungsmoral von Auftraggebern.

Income Streams statt Gehalt

Einkommen darf man das dann auch kaum nennen. Auskommen, ja das auf jeden Fall. Der beste Begriff, den ich für diesen Zustand gelesen habe, ist „Income Streams“ (Geldflüsse). Die sind jeweils dünner geworden und versiegen bisweilen. Aber in der Summe ist das durchaus sehr ansehnlich. Und am erfreulichsten ist der allergrößte Zugewinn: Freiheit. Freiheit der freien Zeiteinteilung, wann ich arbeite. Freiheit der Ortswahl, wo ich arbeite. Und was ich arbeite.

Der Begriff „Income Streams“ stammt u. a. von Thomas L. Friedmann. Er prognostizierte einst, dass wir irgendwann keine festen Berufe mehr haben, kein Gehalt, sondern nur noch „Income Streams“. Er hat recht gehabt. – Auf die Prognose von Tom Friedmann bezieht sich auch Brian Chesky, Chef und Mitbegründer von Airbnb, wenn er in einem Interview mit McKinsey die Zukunftsvision seiner Firma zeichnet.

Die Zukunft von Besitz und Renommee

Seine Vision ist die eines Lebens, das völlig auf alle Besitztümer verzichtet. Zitat: „Unsere heutige Generation sieht Besitztum als Belastung. Menschen wollen angeben. Das ändert sich nicht. Aber in Zukunft geben sie lieber mit ihrem Instagram Feed an, mit ihren Fotos, mit den Orten, an denen sie waren, mit den Erfahrungen, die sie gemacht haben. Das ist das Renommee (bling) der Zukunft.“

Und weiter: „Es geht nicht mehr um Autos. Es geht darum, wo du schon warst – und was du erlebt hast. In Zukunft wollen Menschen nur noch das besitzen, wofür sie gerne Verantwortung übernehmen. Und die meisten Menschen wollen in Zukunft nur noch verantwortlich sein für ihr Ansehen, ihre Freundschaften und ihre Erfahrungen. Vermögen wird nicht mehr durch ein Haus definiert oder durch ein Auto. Der größte Wert wird die Zeit sein, die ihnen zur Verfügung steht.“

Die digitale Dienstleistungsgesellschaft

Eine schöne Einsicht: Je mehr wir uns vom Materiellen befreien, desto freier werden wir auch in unserer Lebensweise. Wir werden Nomaden auf der Suche nach persönlichen Kontakten, nach ureigensten Erlebnissen. Und wir werden Reporter unseres eigenen Lebens – in Social Media, in Blogs etc. Und wir können dieses Wissen dann im besten Fall auch beruflich verwerten.

Brian Chesky gibt in dem Interview auch Anhaltspunkte für eine digitale Business-Zukunft wenn wir kaum mehr feste Berufe haben, wenn alle Dienstleistungstätigkeiten dereguliert sind. In einer künftigen Sharing-Industrie verdienen wir Geld (als Income Stream) durch die Vermietung unserer (verbliebenen) Besitztümer: Unsere Wohnungen – weil wir ja immer woanders sind. Unser Auto – weil wir multiple mobil sind. Und so werden wir Vermieter, (Auto-)Verleiher oder in der Betreuung der Gäste Part-time-Hoteliers. Und in deren Bewirtung Part-time-Gastwirte. (Airbnb isr also nicht nur für Hotelketten eine Bedrohung!)

Part-time-Hotelliers und Part-time-Gastwirte

Aus vermeintlichen niederen Diensten werden in seiner Sicht so willkommene, bescheidene Income Streams, die dann in der Addition durchaus erklecklich genug für ein schönes – nomadisches – Leben sein können. Das ist die vielleicht radikalste und konsequenteste Version einer (digital vernetzten) Dienstleistungsgesellschaft. Menschen mit Besitz vermarkten den. Menschen können ihre sämtlichen Fähigkeiten  zu einem Part-time-Job machen – und so nötiges Geld verdienen. – Ich kenne genug Menschen, die ihre mageren Renten mit Zimmervermietung – auch über Airbnb – aufbessern (müssen).

Oliven-Erntedankfest im Schloss Aufhausen: 150 Gäste.
Oliven-Erntedankfest im Schloss Aufhausen: 150 Gäste.

Eine neue Perspektive auch für mich. Ich koche schon immer gerne für andere Menschen und bewirte sie. (Wie jeweils am zweiten Sonntag im November bei unserem Oliven-Erntedank-Fest im Schloss Aufhausen.) Und ich denke jetzt schon mal nach, wie eine Part-time-Besenschenke oder ein gelegentliches Table d‘ hôte funktionieren könnte… – Egal an welchem Ort auch immer.

 

Lieben Roboter Science Ficition?


Angst vor der eigenen Schöpfung

Man sollte eher gut drauf sein. Nur dann macht es Sinn, sich die Liste der 50 eindrucksvollsten dystopischen Filme zu Gemüte zu führen. Ich bin erschrocken, wie viele dieser zukunftspessimistischen Filme davon zu meinen Lieblingsfilmen gehören und wie sehr einige davon mein Denken geprägt haben. Von den Top 10 habe ich fast alle gesehen – und schätze sie alle (einige mehr, andere weniger):

  1. Metropolis
  2. Clockwork Orange
  3. Brazil
  4. Wings of desire (Engel über Berlin)
  5. Blade Runner
  6. Children of Men
  7. The Matrix
  8. Mad Max 2
  9. Minority Report
  10. Delicatessen

robot-moves-danger-sign-s-0195Der größte gemeinsame Nenner dieser 50 Dystopien ist, dass in den meisten von ihnen künstliche Wesen ihr Unwesen treiben. Cyborgs, Replikanten, Roboter oder andere künstliche Menschenwesen. Die zweite Schöpfungsgeschichte sozusagen: Die Menschen schufen Wesen nach ihrem Ebenbilde. Und wie wir, bzw. Adam und Eva, wollen auch die künstlichen Wesen vom Baum der Erkenntnis naschen – und wenden sich so gegen ihre Schöpfer.

Diese absurde Angst vor der Schöpferrolle des Menschen! Wir schaffen Wesen nach unserem Vorbild – und diese wenden sich dann gegen uns und übernehmen die Macht. Mal keck weitergedacht: Spiegelt sich hier unsere Angst, unserem Schöpfer könnte es einst genauso gegangen sein?

Sind uns Roboter überlegen?

Entsprechend negativ ist über all die Jahre die Rezeption der Idee des Roboters und des brav funktionierenden Humanoiden. Vielleicht weil er in seiner maschinenhaften Effizienz uns Menschen vor Augen führt, wie maschinenhaft viele unserer Arbeiten sind – und wie wenig wir dafür mit all unserer menschlichen Beschränktheit an Kraft und repetitiver Präzision geeignet sind.

Bisher konnte man sich gegenüber der Maschinen-Konkurrenz relativ in Sicherheit wiegen. Das war eine Zukunft, die ganz weit weg war. Was sich dann doch einmal bis in die Medien vorgekämpft hatte, das waren drollig aussehende, dem Kindchen-Schema brav entsprechende Prototypen, die eigentlich nur Maschinen-Intelligenz und Praktikabilität simulierten. Letztendlich waren sie alle zu nichts Vernünftigem zu gebrauchen. Bei mir im Keller verstaubt auch noch ein Sony Aibo, der kleine Roboter-Hund, der trotz sorgfältiger Pflege kaum etwas vom versprochenen Lerneffekt zeigte und nur sehr erratisch herumtapste. Was er prima konnte: im Weg rumstehen – und virtuell das Beinchen heben.

Outsorcing an Automaten und Roboter

Plötzlich aber ist es mit dieser Automaten-Idylle vorbei. Roboter sind allenthalben in den Schlagzeilen: Drohnen erledigen schmutziges Kriegsgeschäft in Pakistan. Sie liefern im Auftrag von Amazon oder DHL frei Haus. (Wo bitte, wollen die landen?) Als Quadropter drohen sie vor dem eigenen Schlafzimmerfenster als Flying Peeping Tom herum zu schwirren. In den USA fahren schon mehrere Auto-Flotten ohne jede Intervention von (menschlichen) Fahrern durch die Städte. In den Gärten sorgen Rasenmäher-Roboter für akkurate Rasenlängen. Und es gibt sogar Fensterputz-Roboter.

Noch sind die Geräte wenig überzeugend, verteilen den Schmutz mehr, als sie ihn beseitigen. Aber das sind Kinderkrankheiten. Denn die Roboter sind gnadenlose Nutznießer von Moore’s Law. Ihre Rechnerleistung verdoppelt sich alle 12 bis 24 Monate. Sie denken immer schneller, bisweilen auch immer besser. Unsere produzierende Industrie wäre ohne klaglos arbeitende (Industrie-)Roboter längst nicht mehr konkurrenzfähig. Unsere Autos wären immer noch so unpräzise produziert wie einst vor 20 Jahren. (Nein. Früher war nicht alles besser!) Unsere Chips wären nicht so leistungsfähig und klein. Und unsere Smartphones wären immer noch so unhandlich wie Ziegelsteine.

Die Job-Killer aus der Retorte

Die Roboter sind längst die Garanten unserer Produktivitäts-Steigerungsraten, die unser kapitalistisches System so dringend braucht. Und diese Roboter vernichten dabei stets massenweise Arbeitsplätze. Aber seit den Maschinenstürmern Anfang des 19. Jahrhunderts kam es eigentlich nicht mehr zu rassistischen Ausfällen gegenüber Robotern. Und Widerstand gegen Replikanten gab es bislang nur in Science-Fiction-Filmen (siehe oben).

Schon gibt es Ideen, im Zuge der Evaporisierung von (bezahlter) Arbeit so etwas wie eine Produktivitäts- oder Maschinen-Steuer einzuführen. Eine scheinbar logische Idee, wenn arbeitende Menschen mangels Arbeit als Steuerzahler wegfallen, dann halt ihre Surrogate, die Roboter, die das Gros der Arbeit machen, Steuern zahlen zu lassen. Fragt sich, wann die Androiden & Co. so menschenähnlich werden, dass sie auch Kreativität entwickeln, wie sie Steuern sparen – oder hinterziehen können. Das wäre der ultimative Turing-Test: Können Roboter so intelligent werden wie wir Menschen? Oder wie wir uns fälschlich dafür halten…

Die Umkehrung des Turing-Tests

Während wir uns noch in hyper-replikanter Hybris in intellektueller Sicherheit wiegen, laufen längst die umgekehrten Tests der intelligenten Maschinen mit uns. Funktionieren wir brav so, wie es die Maschinen wollen – und merken es selbst nicht. Wir schreiben brav die CAPTCHA-Texte ab, wenn wir Formulare im Web ausfüllen. Die – vermeintlich – intelligenteren Menschen unter uns, meinen damit etwas Gutes zu tun, nämlich unentgeltlich die Digitalisierung von Büchern durch Google mit menschlichem Wissen zu optimieren. In Wahrheit ist das der perfekte Test der Maschinen, ob wir nicht eine von ihnen sind, bzw. „nur“ brave, sich den Maschinen überlegen fühlende Hominiden.

Die These ist Ihnen ein wenig zu steil? Mehr Beispiele gefällig? Amazon’s Mechanical Turk, die Angebots-Plattform für Billigstlohn-Arbeiten, ist die optimale Clearingstelle der Maschinen-Intelligenz, auf welchen monetären Wert sich menschliche Arbeit herunterhandeln lässt, um noch mit Maschinen-Effizienz und Algorithmus-Präzision mithalten zu können. 1 Cent (US) pro URL, 2 Cent pro ausgefülltem Adressformular, 11 Cent für das Tagging eines „Adult Movie“, das gibt es hier zu verdienen. Das summiert sich – eben nicht. Ach ja, 1 Cent gibt es auch pro ausgefülltem CAPTCHA.

Barrierefreies Lernen für Maschinen

Ein Problem hat die Maschinen-Intelligenz. Sie braucht Stoff. Digitalen Stoff. Denn wie soll sie sonst lernen? Je mehr digitale Daten, desto besser kann sie ihre Schlüsse aus unseren Erfolgen und Misserfolgen ziehen. Und wir liefern brav. Die Bibliothek unseres Wissens macht Google gerade maschinenlesbar. (Für die Fehlerfreiheit sorgen wir Menschen – mittels CAPTCHA.) All unser Leben, all unser Denken wird immer digitaler, dank Social Media, Netzwerken und Kommunikationssystemen. Damit die Maschinen vollen Zugang darauf bekommen- und wir keine abgekapselten Inseln des Wissens mehr haben, haben die NSA (National Security Agency) und die mit ihnen kooperierenden oder konkurrierenden Geheimdienste alle Barrieren, einst Datenschutz genannt, aufgehoben. Sie ermöglichen der Maschinen-Intelligenz jetzt endlich barrierefreies Lernen.

Und damit auch nichts aus dem Datenuniversum, das wir gerade zu explosionsartiger Ausdehnung bringen, verloren geht, baut die US-Regierung in der Wüste den größtmöglichen Datenspeicher mit dem vorläufigen Fassungsvermögen von mindestens zwei kompletten Jahrgängen an Datenvolumen. Da werden die Konkurrenten China, Russland etc. nicht Ruhe geben und ihrerseits Ähnliches schaffen. Die funktionieren für das Maschinen-Lernen prima als nötigen Sicherheits-Speicher und Parallel-Rechner. – „Warning! Keep away! Robot moves without warning!“