Freiheit & Raum


Stets auf der Suche nach Freiräumen

Wenn man meiner beruflichen Karriere irgendeine Logik geben will, dann am ehesten die, dass ich immer Freiräume gesucht habe. Das ging in der Uni los, Meine Mutter war eine der seltenen Male sprachlos, als ich statt brav auf Lehramt zu studieren mich in Theater- und Kommunikationswissenschaften (plus Germanistik) eingeschrieben hatte. Texte schreiben und inszenieren war eine traumhafte Spielwiese – und dabei konnte man gut austesten, wieweit die Toleranz der Institutsverantwortlichen bei provokativen Inszenierungen ging. Und mit Rezeptionsforschung (samt Computerauswertung mit Lochkarten!) konnte ich die Wirkungsweise solcher Arbeit gut abzuschätzen lernen.

opengateDer nächste logische Schritt war es, Theater- und später auch Filmkritiken zu schreiben – und erste Reportagen im Kulturumfeld. Auch hier viel Freiraum. Den konnte ich dann extrem erweitern, als ich die Münchner Stadtzeitung mit Arno Hess gründete und redaktionell leitete. Hier gab es wirklich keine thematische Begrenzung. Wir nutzten das ausgiebig, um die Grenzen unseres Könnens und mit unseren investigativen Recherchen die Grenzen der rechtlichen Möglichkeiten auszuloten. (Siehe hierzu auch: Humor & Justitia.)

Verrückte Ideen Wirklichkeit werden lassen

Der nächste Schritt, neue Freiräume im Journalismus auszuleben war mein Wechsel zum WIENER. Als Chefreporter und später als stellvertretender Chefredakteur durfte ich lernen, wie mühsam und zugleich höchst befriedigend es sein kann, verrückte Ideen zu spinnen und sie dann doch in funktionierende Geschichten umzusetzen. Und die publizistische Wirkung von investigativen Geschichten wie etwa über das AIDS-KZ oder Alois Müller (Müller Milch) war ungleich höher – und brisanter.

Next Stop Trendforschung. Bei Scholz & Friends war ich im weiten Feld der sich stetig verändernden Szenen, technologischen und soziologischen Entwicklungen und der unendlichen Kreativität von Konsumenten-Bedürfnissen und -Ideen unterwegs. Eine der interessantesten neuen Entwicklungen, die die Firmen damals noch kaum wahr-, geschweige denn ernst nehmen wollten war das Internet. Meine Schilderungen über die unendlichen neuen Möglichkeiten, die hier entstehen könnten, wurden bestenfalls belächelt.  (Ausnahme: „West“ von Reemtsma.)

Aufbruch in The New Frontier

Na dann eben lieber selbst mitten hinein ins reale Geschehen, statt nur beratend am Rande zu stehen. Auf ins Internet, in The New Frontier, wie das Internet damals charakterisiert wurde: die neuen Gebiete, in die die Siedler Amerikas einst zogen, in die „the frontier of unknown opportunities and perils, the frontier of unfilled hopes and unfilled dreams“, wie es John F. Kennedy in seiner Inaugurationsrede als Präsident beschrieb: „Beyond that frontier are uncharted areas of science and space, unsolved problems of peace and war, unconquered problems of ignorance and prejudice, unanswered questions of poverty and surplus.“ Neue Freiräume, jetzt im neuen, weiten, leeren digitalen Raum.

Zuerst Europe Online, dann später MSN (Microsoft Network), dann eine eigene Firma und nun Beratungstätigkeit, zur großen Freude immer zusammen mit etlichen Mitentdeckern der neuen Freiräume – oder wenigstens in stetem Kontakt (etwa per Facebook). Es war anfangs sehr anstrengend, diese neuen Möglichkeiten real werden zu lassen. Aber immer hat es Spaß gemacht, sehr viel Spaß, immer neue Optionen zu entdecken und zu nutzen und zu verstehen. Immer ging es weiter in immer neue zu entdeckende (Frei-)Räume.

Das Beharrungsvermögen des großen Geldes

Sie waren nicht zuletzt deshalb frei, weil die großen Unfrei-Macher entweder diese digitale Welt nicht verstanden, sie unterschätzten und nicht für voll nahmen oder nicht mit ihnen umgehen konnten – und wollten: die (politischen) Institutionen und die Wirtschafts-Giganten. Gerade das große Geld wollte sich zunächst nicht auf das Internet einlassen, weil zu viele Risiken zu drohen schienen – und weil die bewährten Businessmodelle gut, allzu gut funktionierten. Das schuf die wirtschaftlichen Freiräume, die Google, Amazon oder Facebook so unendlich groß werden ließen.

Wir wundern uns, wie unsere Freiräume im Internet kontinuierlich – und ziemlich rabiat – immer mehr genommen werden. Kein Wunder. Ex-Google-Chef Eric Schmidt hatte das schon vor fünf Jahren kommen sehen. Er warnte damals in Aspen vor dem Beharrungsvermögen des großen Geldes und der politischen Institutionen, die kontinuierlich die Freiräume des Internets beschneiden wollen. Das tun sie seitdem in immer intensiverem Maß. Das große Geld, weil die überkommenen Businessmodelle immer schlechter funktionieren und die wirtschaftlichen Optionen des Internets immer deutlicher sichtbar sind (siehe Google, Amazon, Facebook & Co.).

Gemeinsame Interessen der Wirtschaft und der Politik

Das große Geld scheut das Risiko. Deshalb ist es so lange dem Internet fern geblieben. Nun sind die Risiken kleiner geworden – oder haben sich als kleiner als gedacht herausgestellt. Also gehen die großen Wirtschaftskräfte jetzt ins Internet. Das aber zu ihren Bedingungen: das Risiko soll noch kleiner werden, die Rendite dafür um so größer. Das heißt automatisch, dass die Freiräume kleiner werden. Denn Freiräume bedeuten in diesem tristen Spiel nur unliebsame Risiken und gebremste Renditen.

Die Interessen des großen Geldes korrelieren dabei optimal mit den Interessen der großen Institutionen, speziell der Politik. Die Macht der Politik droht durch die Beschleunigung und der Partizipation, die das Internet brachte, zu bröseln. Und die Risiken, die dabei entstanden, waren der Politik sowieso stets suspekt. Politik scheut Risiken, sie scheut und hasst sie. Politik ist schließlich im besten Fall dazu da, Interessen auszugleichen. Im nicht so optimalen Fall ist sie dazu da, Spezial-Interessen (der Wirtschaft, anderer Institutionen etc.) durchzusetzen. Also auch hier das essentielle Interesse, Freiräume zu beschneiden. Notfalls auch unter dem Deckmäntelchen, Freiräume beschützen zu wollen oder Arbeitsplätze oder alte, lieb gewonnene Rituale.

Wir Freiraum-Bewahrer

Was also tun? Wie können wir diese Freiräume bewahren? Durch Regulationen, durch Limitationen und Vereinbarungen mit Politik & Konsorten? Uups, das stößt sauer auf. Der alternative politische Widerstand ist mit dem Scheitern der Piraten an ihrem störrisch Nicht-Politisch-sein-Wollen und der charakterlichen Beschränktheit vieler ihrer Protagonisten krachend gescheitert. Bisher jedenfalls. Also Rückzug ins Private und dessen Surrogat an Pseudo-Freiräumen? – Disclosure in eigener Sache: Ich schreibe diesen Blogpost während der Olivenernte im schönsten Italien. Aber daher weiß ich: das ist definitiv keine Lösung.

Also Aufbruch zur Suche nach neuen Freiräumen jenseits der heute bekannten? Sollen wir alle programmieren lernen, um Freiräume in der Welt der Algorithmen zu schaffen? Oder gibt es Freiräume in anderen Bereichen, die wir gar nicht recht erahnen können? In den Wissenschaften? Oder in anderen Teilen der Welt? In China? Was ich davon höre, ist es dort einerseits schlimmer als bei uns, aber mit immer wieder überraschenden Optionen. In einem neuen Wirtschafts- und/oder Politiksystem? Angesichts der sichtlichen Erschöpfung jedes Faszinosums des kapitalistischen Systems und seiner politischen Ableger vielleicht gar keine so schlechte Idee. Oder in einer Welt ohne existenzielle Angst – mit Grundrente und sozialer Absicherung und neuen, endlosen kreativen Möglichkeiten?

Eines ist sicher: Ich bin weiter auf der Suche nach Freiräumen für mich, für meine Welt – und die Welt an sich… Wenn ich was gelernt habe aus meiner Biografie: Freiräume sind dazu da, ausgelebt zu werden und dabei an die Grenzen zu gehen.

Druckmaschinen zu Pflugscharen


Das Ende der Frankfurter Rundschau

Groß war das Entsetzen, als die Frankfurter Rundschau Insolvenz anmeldete. Und bei aller reflexhaften Schuldzuweisung an die Gratiskultur des Internet, die wackeren Zeitungsjournalisten das Brot wegnimmt, war dann sogar auch ein wenig sachliche Kritik zu lesen, dass die Frankfurter Rundschau auch viel falsch gemacht hat. Als da wären: die lokale Berichterstattung vernachlässigt, zu wenig ideologische Aufgeschlossenheit, unausgegorene Digitalstrategie, das familienfeindliche Tabloid-Format u.a.m.

Um so mehr provozierte dann die vom (in Richtung „The Guardian“) scheidenden Chefredakteur von Zeit Online, Wolfgang Blau, eher en passant in einem Facebookkommentar formulierte Generalkritik, dass sich das Geschäftsmodell der Tageszeitung wohl überholt habe neu überdacht werden muss. [Korrektur, sie Kommentar unten.] Er hat so recht. Schlicht weil sich unsere Medienlandschaft längst massiv verändert hat – richtig wegen des Internets – aber nicht wegen dessen „Gratiskultur“.

Aktuelle Medien-Wirklichkeit

Wie sehr sich die Tageszeitung überlebt hat, erlebe ich ja selbst ganz real jeden Tag. Mal so, mal so. – Ich bin, seit ich als Student von zu Hause ausgezogen bin, Abonnement der Süddeutschen Zeitung. Ihre Lektüre war jeden Morgen die allererste Handlung. Bis vor ein paar Wochen ein Tablet (Nexus) ins Haus kam. Jetzt ist das mein Gegenwarts- und Realitätsassistent.

Aber noch immer verbringe ich am Morgen Zeit mit meiner Süddeutschen. Früher waren das jeden Tag 30 Minuten und mehr. Heute sind das nur noch knapp 10 Minuten. Mehr Neues oder Interessantes hat die Zeitung in gedruckter Form nicht mehr zu bieten. Und ich habe längst erfahren, dass es auch ganz leicht ohne die morgendliche Zeitung geht. Immer wenn wir uns mal wieder nach Italien verabschieden, bestellen wir die SZ ab. Ein Hybrid-Abo, zu Hause in Papier und unterwegs als ePaper bietet der Süddeutsche Verlag natürlich nicht an. Und siehe da: Es geht wunderbar ohne morgendliche Zeitung. Ganz ohne Entzugserscheinungen. Und ohne ein Jota Verlust an Informiertheit und Medieninput. Dank des Internets.

Primär-, Sekundär und Tertiärmedium

Wichtige Aspekte der Medienwirklichkeit werden in der Diskussion um die Medien leider vergessen: Welche Rolle im Medienalltag spielt das jeweilige Produkt und der jeweilige Kanal? Was ist das Primärmedium, die erste Anlaufstation, mit der ich mich aktuell auf dem Laufenden halte? Was ist das Sekundärmedium, wo ich mir Analysen und Hintergrundinformationen hole? Was ist das Tertiärmedium, in dem ich aktuelle Themen in der Breite vertiefe? Und dann gibt es noch Quartiärmedien, bei denen ich blanke Unterhaltung suche.

Einst hat die Tageszeitung alle vier Bereiche bedient. Es gab wirklich neue Nachrichten, selbst wenn man eifrig Nachrichten in TV und Radio verfolgt hat. Es gab die Analysen und Berichte, die Nachrichten in Beziehungssysteme setzten. Im Feuilleton, in (Wochenend-)Beilagen und Magazinen wurde Aktuelles mit Interviews und Reportagen unterfüttert. Und sogar der Quartiärbereich, das Entertainment,  wurde beliefert mit Vermischtem, Rätseln, Witzen und Fortsetzungsromanen.

Frischere Ideen online

Und heute? Finster sieht es im Primärbereich aus, wenn es um Tageszeitungen geht. Kaum eine News steht heute in den Zeitungen, die ich nicht längst schon erfahren habe – in Onlinemedien, per Facebook, Twitter, Google+  etc. Bezeichnend ist doch, dass der Online-Ableger eines typischen Sekündärmediums, des Spiegel, heute die Marktführerschaft im Bereich der Primärmedien hat und allen Konkurrenten der einstigen Primärmedien (Tageszeitungen) den Rang abgelaufen hat. Und wer ist von der Relevanz her auf Platz Zwei? Zeit Online! Das Sekundär- und Tertiärmedium schlechthin. Das digitale Versagen der Tageszeitungen kann deutlicher nicht sein.

Einzige Ausnahme, wo es in Tageszeitungen noch Primärelemente, sprich wirklich Neues zu erfahren gibt, ist das lokale Umfeld. Hier gibt es noch kaum funktionierende, verlässliche Blogs und wenig Konkurrenz. Aber wie lange noch? Vor allem Facebook macht da schwer Boden gut. In unserer italienischen Zweitheimat, wo es kaum funktionierende Lokalberichterstattung gibt, informiert man sich über sein eigenes Umfeld vorzugsweise per Facebook.

Redaktion der Print-Dosis

Und wie schaut es im Sekundärbereich aus? Da liefern die führenden Tageszeitungen nach wie vor zuverlässig Hintergrundinformationen, sogar investigative Stories und reichlich Analysen. Aber schlimm sieht es am Land und bei den kaputtgesparten Redaktionen aus, wo jenseits der (umgeschriebenen) Agenturmeldungen und der Hausaufgaben an Kommentaren wenig mehr zu finden ist. Bekomme ich etwa in Berlin die Berliner Zeitung in die Hand, ist es erschreckend, wie schnell man das Blatt durch hat, weil man fast nirgends zum Lesen verführt wird.

Und die Konkurrenz im Sekundärbereich ist im Internet heute so hoch wie noch nie. So viele erstklassige Autoren bloggen heute, so viele Blogger liefern erstklassige Artikel, hervorragend geschrieben, mit viel Hintergrundwissen. Wie oft habe ich bessere Analysen und Reflexionen online gelesen als tags darauf in meiner Süddeutschen. Vor allem sind die vielen Qualitäts-Blogger, die heute verlässlich liefern, ideologisch viel unbelasteter, stilistisch frischer und gedanklich innovativer als das Gros der Tageszeitungsautoren. Vielleicht weil sie in einer Wirklichkeit jenseits der Redaktionsstuben oder Newsrooms leben. Vielleicht, weil die interessanten und innovativen Köpfe nie in einer Zeitung sitzen wollen würden. (Und exzellente Blogger für Zeitungen zu engagieren ist scheinbar undenkbar?)

Die mobile Konkurrenz 

Ähnlich groß ist für die Zeitungen die Online-Konkurrenz im Tertiär-Markt. (Vom Quartiärbereich ganz zu schweigen. Hier hat man längst kapituliert.) Immer mehr attraktive Inhalte in Sachen Kulturberichterstattung, vor allem abseits der großen Kulturtempel, finden sich online. Immer mehr Analysen, Reportagen und Features finden sich heute im Netz. Und der Tipp per Twitter oder aus einer funktionierenden Facebook-Community lässt solche Perlen verlässlich finden.

Aber nicht so sehr die Sozialen Netzwerke sind das Problem der Tageszeitungen (die schon auch). Es ist die explosionsartige Vermehrung der Mediennutzung über mobile digitale Geräte, sprich Smartphone und Tablets. Den offensichtlichsten Beweis dafür liefert mir jede morgendliche Fahrt mit der S-Bahn. Noch vor einem guten Jahr las ein Drittel bis die Hälfte der S-Bahn-Pendler in Büchern aber vor allem in Zeitungen. Heute hat sich das völlig geändert. Kein Viererabteil, in dem nicht zwei bis drei Menschen auf ihr Smartphone starren, in ihrem Tablet lesen – oder häufiger: Filme ansehen – oder im eReader schmökern.

Lesevergnügen per Tablet

Mit jedem neu verkauften Smartphone und Tablet entdeckt ein Zeitungsleser mehr, dass es auch ohne Zeitung geht – und wie erfreulich ein individuell nach persönlichen Interessen zusammengestellter Medien- und Informationsmix (inklusive Facebook & Co.) sein kann, den Apps wie Flipboard, Currents oder andere aggregieren. Sie entdecken wie man sich so viel bequemer und vielseitiger, weil aus vielen (Gratis-)Quellen, und nicht weniger aktuell informieren und unterhalten lassen kann als mit einer sperrigen Zeitung (und sei sie im Tabloid-Format).

Und mit jedem verlorenen Zeitungsleser wird das Problem der teuren Produktions- und Distributionslogistik der Zeitungen evidenter. Es ist nun einmal teuer auf Papier zu drucken und physikalische Produkte zu vertreiben. Und je weniger Abnehmer es gibt, um so mehr eskalieren die Kosten. Und irgendwann ist es dann einfach zu teuer, Papier zu bedrucken und Zeitungsausträger jeden Morgen loszuschicken.

Eine Gewissensfrage

Hinzu kommt, dass ich fast ein schlechtes Gewissen habe, dass da jemand früh morgens mit dem Auto (!) herumfährt, um mir meine Zeitung an die Türe zu bringen. Und das gesammelte, wenig gelesene Papier bringe ich dann einige Tage später zum Papiercontainer. Ökologisch ist das ja nun nicht. Bur halt eine Gewohnheit, kurios verklärt als Kulturleistung- Wo ich doch die Artikel auch easy digital herunterladen und bequem auf meinem Nexus lesen könnte. – Gerne auch bezahlt.

Und an dieser Stelle meiner Argumentation gebe ich an Richard Gutjahr ab, der in seinem lesenswerten Blogbeitrag vorbildlich schlüssig die mangelhafte Angebotspolitik der Verlage kritisiert, die ebenso dumm wie effektiv dem absehbaren Zeitungssterben in Deutschland Vorschub leistet. Sein Fazit: „Es geht den Verlagen noch zu gut – oder einfach noch nicht schlecht genug.“ – Aber sicher nicht mehr lange. – Irgendwann heißt es dann: Druckmaschinen zu Pflugscharen.

Zeitreise ins eigene Ich


Wir sind Gewohnheitstiere

Das geht schon gut los. Ich will einen neuen Artikel in meinem Blog schreiben und WordPress bietet mir gleich mal ein neues Interface zur Eingabe an. Nicht mehr das übliche, an das ich mich gewöhnt habe… – Was soll denn das?…

Wir Menschen sind Gewohnheitstiere. Und das ist gut so. Denn wir würden viel zu oft unsere Synapsen sinnlos anheizen, wenn wir den Alltag stets so angehen würden, als wäre alles neu und ungewohnt. Wir wären ohne unsere Muster, unsere Gewohnheiten, unsere Rituale schlicht mit uns und der Welt permanent überfordert. Sind wir ja so schon, weil sowieso kontinuierlich neue Ideen, neue Anforderungen, Ungewohntes, Ungewolltes auf uns einprasseln.

Die Welt einfrieren

Kann es denn nicht mal so bleiben, wie es ist? Das hat sich sicher jeder schon mal in Momenten gefragt, wo alles im Lot zu sein schien und das Leben uns einmal die angenehmeren Seite zugewandt hat. Und nie ist der Wunsch in Erfüllung gegangen. Immer kam wieder etwas dazwischen, immer wieder hat sich alles geändert. Neue Widrigkeiten, neue Herausforderungen, neue Wendungen – und die Schicksalsschläge, die das Leben immer wieder bereit hält, sind da noch gar nicht mit gezählt…

Zugegeben, so habe ich auch mal gedacht. Als Jugendlicher und dann auch noch mal vor allem in der ersten großen Beziehungskatastrophe, die mich ereilte. Wenn alles in Ordnung war, wollte ich die Welt gleichsam einfrieren, damit sie so bleibt wie sie gerade ist. Es kommt ja nichts Besseres nach…

Ich habe recht lange gebraucht zu kapieren, dass es nicht reicht, verlässlich und funktionabel zu sein. Nichts ist langweiliger als das. Ich habe mir vergleichsweise lange Zeit gelassen einzusehen, dass es gerade die Veränderung, die kontinuierliche Entwicklung, der permanente Wandel ist, der das Leben – oder im speziellen Fall die eigene Persönlichkeit – attraktiv macht.

Die Innovations-Reaktionäre

Die erste Ahnung davon, dass Veränderung positiv sein kann, habe ich bei meiner Arbeit bei der Münchner Stadtzeitung bekommen. Ein faszinierendes Phänomen brachte mich darauf. Man schreibt eine Platten- oder eine Konzertkritik zu einem Künstler oder einer Band, die noch sehr unbekannt ist, aber vielversprechend. Dafür wird man von den Fans geliebt. Es flattern dankbare Leserbriefe in die Redaktion. – Aber wehe, wenn dieser Act ein Jahr später den Durchbruch geschafft hat und etwa in einer größeren Halle auftritt. Dann kommen die bösen Briefe, von wegen dass alles verkommerzialisiert ist – und man als Musikjournalist schuld daran war, weil man so positiv darüber geschrieben hat…

Ein eigenartiges Phänomen. Künstler gehören den Fans der ersten Stunde – und wehe sie entwickeln sich, dann erleben diese Fans eine veritable Veränderungsfrustration. Alles muss so bleiben, wie es ist, und wehe es ändert sich etwas. Selbst positive Entwicklungen, wie etwa Erfolg sind dann von Übel. Aus einst glühenden Fans werden dann – so habe ich es oft erlebt – erbitterte Stilreaktionäre, die jede neue Entwicklung verteufeln. Sie hassen jeden Stilwandel – und zerfließen in Seligkeit , wenn für Momente die gute alte Zeit irgendwie wieder zurückgekehrt zu sein scheint. Sehr gut zu beobachten heutzutage bei Revival-Konzerten wiedervereinigter Altrocker. Bestes Beispiel sind die Rolling Stones. Die sind eigentlich seit den 7oer-Jahren ihre eigene Coverband – und damit ungeheuerlich erfolgreich. Eingefroren in einem Stil und eine Attitüde.

Trends als Motor 

Musik war mein allererstes Vehikel, Veränderung als etwas Positives wahrzunehmen. Ich war immer begierig darauf, neue Sounds, neue Bands und neue Stile zu entdecken. Wie viele Nachmittage habe ich in Plattenläden verbracht und immer neue Platten ausprobiert. Später bei der Münchner Stadtzeitung kamen die Platten frei Haus und ich hatte das große Privileg, mich in immer neue Konzepte reinhören zu dürfen. Manchmal dauerte es etwas länger, bis sich meine Synapsen an neue Muster und neue Temperamente gewöhnt hatten. Etwa bei Techno und Rave. Da passierte mein Erweckungserlebnis ausgerechnet an einem Heiligen Abend, als ich zur Erholung von familiärer Weihnachtsidylle spätnachts noch ins Münchner Parkcafé flüchtete und da gerade eine Rave-Party abging.

Das wahre Erweckungserlebnis in Sachen permanente Veränderung – und wie ich sie lernte zu lieben – war meine Arbeit mit Gerd Gerken, damals Deutschlands führender Trendanalytiker und Wegbereiter für alle folgenden Trendforscher wie Matthias Horx & Co.  Ich arbeitete mit ihm beim WIENER zusammen und schrieb 1993 bis 1995 mit ihm das Buch „Trends 2015 – Ideen, Fakten, Perspektiven“, in dem wir versuchten, ein Zukunftsszenario bis zum Jahr 2025 zu skizzieren. Der Verlag verkürzte die Zeitspanne dann auf 2015, weil er befürchtete, zu wenige Leser könnten hoffen, dieses Jahr noch selbst zu erleben.

Die Welt der Zukunft

Spannend war damals nicht nur, sich in eine Welt voran zu denken, die absehbar digital zu sein versprach – obwohl das Internet damals in seiner Verbreitung noch nicht konkret präsent war. Mit jedem neuen Thema, das wir in dem Buch behandelten: Arbeitswelt, Entertainment, Sport, Wirtschaft – und auch Sex – war klar, dass die Welt, in der wir uns zu der Zeit damals befanden, schon nur allzu bald völlig anders aussehen würde. Und für unsere Ideen und Perspektiven, die wir damals aufzeichneten, müssen wir uns bis heute nicht schämen.

Parallel zu den möglichen Szenarien einer Welt der Zukunft machte mir Gerd Gerken Mut, auch mich selbst einmal in meine eigene Zukunft hinein zu denken. Das war damals für mich eine der essentiellsten Erfahrungen. Sollte jeder mal für sich versuchen: Wie sieht man selbst, mein Leben und meine Arbeit zehn Jahre, 20 Jahre, 30 Jahre oder mehr in die Zukunft hinein aus? Was ist da denkbar? Was will man dann tun? Was traut man sich zu? Was will man auf gar keinen Fall, was unbedingt?

Zeitreise in die eigene Zukunft

Das war wirklich ein einschneidendes Erlebnis, diese Zeitreise in mein eigenes Ich. Ganz klar war sehr schnell, dass mein Leben auf keinen Fall so bleiben sollte wie es war. Nicht weil es damals schlecht oder frustrierend war. Aber die Vorstellung, zehn Jahre später noch dasselbe tun oder denken zu sollen, wie damals, das war wirklich eine sehr grässliche Vorstellung. Viel schöner und spannender war es, sich in immer neue Zukunftswelten hinein denken zu können/dürfen. Erst so wurde mir deutlich, welche Perspektiven, welche Optionen mein Leben vielleicht für mich noch bereit halten könnte.

Klar war, dass Veränderung der Schlüssel zu einer begehrenswerten Zukunft war. Dass Ziele und Visionen, Ideen und Perspektiven nötig waren, um in dieser Zeitreise in die eigene Zukunft und das Ich, das ich einmal sein wollen könnte, wirklich erlebenswert zu machen. Und erstrebenswert. Und lebenswert.

Mein Leben hat das damals nicht sofort verändert. Um so mehr aber langfristig. Ich wäre heute wohl nicht da, wo ich heute bin; ich würde nicht das Leben leben, das ich heute lebe, wenn ich damals nicht diese Reise in meine eigene Zukunft gewagt hätte. Und ich würde vielleicht nicht das Glück empfinden und erleben, das ich heute so oft genieße. Und ich wäre wohl nicht so entspannt und zukunftsfreudig. Und einiges Positive mehr…

Ein Hauch von Zukunft


Did you have fun today?

Es gibt so Tage, da sitzt man am Abend im Arbeitssessel und staunt. Denn man hat rein zufällig einen Blick in eine Zukunft getan, die man so bisher nicht zu sehen oder zu denken gewagt hat. Ende 2010 ist mir so etwas passiert als ich Zoe in der U-Bahn in Berlin kennen gelernt habe und die Selbstverständlichkeit, mit der die Zweijährige ihren iPod bediente. Heute war es – nennen wir sie –  Martha, die mir in der Münchner S-Bahn gegenüber saß. Ein fröhliches, staunendes Kind, das mit ihrem Papa, hörbar ein Amerikaner, deutsch sprach, der antwortete Englisch. Und während der Zeit las sie in Kinderbüchern ihm vor, in hebräisch. Martha war noch keine vier Jahre alt.

Ich mag Väter nicht, die ihre Kinder schon so jung mit Lesen, Schreiben, Lernen triezen. Aber der Charme, die Unbekümmertheit, die Neugier und der Wissenseifer der Kleinen vertrieb so ziemlich alle Skepsis. Pappi fragte dann auch brav: „Did you have fun today, my dear?“ – Martha konnte nicht antworten, denn am Gleis gegenüber fuhr gerade ein Güterzug langsam nebenher, das war natürlich superinteressant. Aber Pappi ließ nicht locker: „Did you have your fun today? A little bit?“ – Martha hatte Mitleid mit ihrem besorgten Vater. Sie nahm ihn, so gut sie es mit ihren kleinen Ärmchen konnte, in den Arm, strich ihm über den Kopf und tröstete ihn: „Oh, Papa!“ Zweimal mit ganz langem Aaaa. Subtext: „Was fragst du denn für einen Quatsch!“

Digitales Sütterlin

Schnellvorlauf ins Jahr 2032. Wie soll ich mir Martha dann vorstellen? Oder Zoe? Sie sind garantiert menschliche Wesen mit all ihren Macken und Talenten. Sie sind keine Cyborgs. Aber wie soll ich mir ihr Denken dann vorstellen? Wie weit werden sie sich in diesen Jahren von unserer heutigen Normalität entfernt haben? Wie geduldig oder wie genervt werden sie reagieren, wenn etwa Digitalverweigerer oder Dys-Nostalgiker alten Zeiten nachtrauern. Als es noch Zeitungen, noch Fernsehen, noch Bücher gab. Oder wird es Menschen geben, die Windows oder Laptops nachtrauern? Welche Kluft wird sich da auftun? Dramatischer auf alle Fälle als wir sie je erlebten, als wir uns mühten, die Postkarten der Großmutter zu entziffern, die sie unbeirrt in Sütterlin-Schrift geschrieben hatte.

Als die ersten Home-Computer aufkamen, war einer meiner Freunde uns allen weit voraus. Er hatte einen Commodore, einen CBM oder PET. Eines dieser Geräte, das optisch irgendwo zwischen Star Trek-Kommandostand und Registrierkasse balanzierte. Es war eine wahre Kunst dieses Gerät zu bedienen. Der Monitor klein mit den ominösen grünen Grob-Pixel-Buchstaben – und natürlich haufenweise kryptische Kürzel und Kommandos, die es zu beherrschen galt. Immer wieder muckte das Gerät, wenn es drucken sollte, aber es machte schwer Eindruck auf mich vordigitalen Menschen, der bisher nur Lochkarten-Computer kennengelernt hatte.

Old-School-Internet

Die Pointe der Geschichte ist, dass dieser Freund zwischendurch fast komplett die Arbeit mit Computern aufgegeben hatte. Er fand Mäuse und vor allem Betriebssysteme, bei denen man ohne kryptische Kommandos auskam, schlicht blöd und unsexy. Erst sehr spät legte er sich dann einen PC zu und beharrte lange darauf, noch ein Betriebssystem zu haben, das man irgendwie noch mit Tastatur-Kommandos bedienen konnte. Entsprechend spät machte er seinen Frieden mit dem Internet – und nutzt es heute für Recherchen. Aber Liebe sieht anders aus.

Habe ich hier – schon sehr früh – eine Ahnung erleben dürfen, wie es uns in 20, 30 Jahren ergehen wird, auch wenn wir uns noch so mühen auf der Höhe der digitalen Zeit zu bleiben. Oder wird es gnädigerweise Old School-Nischen im Internet geben – das dann längst nicht mehr so heißt, weil dies ein Ausdruck einer längst vergangenen digitalen Zeit ist, die ähnliches Staunen und Stirnrunzeln erzeugt wie steinzeitliche Höhlenmalereien es heute tun? Und wie sehr nervt dann erst das Gejammer von aus der Zeit Gefallenen, dass früher alles so viel besser war. Das wir können doch schon heute nicht ab. Wie schlimm wird das erst einst in ferner Zukunft?

Eine Ahnung jenseits des Kapitalismus

Als ich Martha gegenüber saß, versuchte ich gerade einen Text auf meinem Kindle zu lesen, den ich mir aus dem Internet heruntergeladen hatte. [Ist der Name Kindle eigentlich Programm: der erste ernst zu nehmende eReader heißt ausgerechnet wie ein Kinderspielzeug? Heißt die kommende Gerätegeneration dann Teenle und Twenle? Egal.] Mich faszinierte Martha so sehr, dass ich in dem Text nicht so recht weiter kam. Als sie dann am Stadtrand mit Papa, den sie an der Hand nahm, ausstieg, kam ich endlich dazu den Text zu lesen, einen Artikel mit dem sperrigen Titel: „Crowdfunding is just the beginning of the horizontal funding of creativity“ von Ian MacKenzie. Ein Artikel im Umfeld der Idee von „OpenMoney„.

Der Artikel beschreibt sehr eindrucksvoll den Unterschied zwischen einem Projekt, das um Geld bettelt, weil es unterfinanziert ist und einem, das auf Crowdfunding setzt. Beim ersten hilft man aus, wird das aber nur begrenzt oft tun. Schnell ist man es leid, immer wieder aushelfen zu können. Alle Unterstützer der „taz“ wissen, wie schal sich das anfühlt, immer wieder retten zu dürfen. Crowdfunding ist anders. Hier ist man im Normalfall Teil des Projektes, bleibt auch nach einer Geldinvestition eingebunden, bekommt Updates, Erinnerungsstücke – vor allem aber ist man erlebbar ein Teil einer Fördercommunity, die eine Sache, die einem am Herzen liegt, fördert. Dieser evolutionäre Aspekt, dieses möglich Machen von etwas Unmöglichem, ist der besondere Effekt. Unmöglich ist es, weil es den gängigen kommerziellen Gesetzen widerspricht. Möglich wird es, weil es Menschen wichtig ist, ein schönes, hilfreiches, verrücktes, gutes, unkonventionelles oder kreatives Projekt Wirklichkeit werden zu lassen und so erlebbar Teil eines Schaffensprozesses zu sein.

Nicht-hierarchische Kultur

Ian MacKenzie nennt das ein Horizontales Funding, weil es quer über eine Community abseits aller Gewinn- oder Verlusterwartungen (vertikal!) Projekte finanziert. Aus ihr kann eine kreative Kultur entstehen, die nicht mehr nach hierarchischen Mustern verläuft wie bisher, wo der Staat, Institutionen, Medienhäuser oder auch Mäzene oder Sponsoren Kreativleistungen finanzierten. Immer von oben herab, immer hierarchisch, immer in klarer Machtverteilung: Ich oben, ich Macht, ich Geld. Du unten, du arm, du um Geld betteln.

Ein wunderschönes Bild: das möglich Machen jenseits aller hierarchischen Muster. Wer je ein Projekt bei Kickstarter aus purer Begeisterung für die Idee mitfinanziert hat, wer je wirklich selbstlos ein Projekt mit unbezahlter Arbeit gefördert hat, der hat die Befreiung aus der üblichen Hierarchie einer Finanzierung oder einer  Ideenverwirklichung leibhaft erlebt. Eine Manifestation von Freiheit der ganz besonderen Art. Im kleinen kann man das selbst jeden Tag üben, wenn man Straßenmusikern nicht Geld in den Gitarrenkasten wirft, weil sie betteln, sondern um mit seinem Euro eine Kulturleistung aktiv zu fördern. – Einfach mal ausprobieren.

Vor allem aber gibt solch eine Erfahrung eine winzig kleine Ahnung, wie viel Freiheit in einer Welt möglich sein könnte, in der möglichst viel horizontal finanziert wird, statt wie bisher vertikal, hierarchisch. Solche Erfahrungen lassen für einen Moment eine mögliche Welt erahnen, die entstehen könnte, wenn sich der – hierarchische, vertikale – Kapitalismus selbst ad absurdum führen würde, wie es zur Zeit den Anschein hat. Ist der Post-Kapitalismus dann etwa horizontal?

Und: Schaut so die Welt von Martha und Zoe aus?

Meins! – Meins! – Meins!


Ende der Besitzstands-Kakophonie!

Die aktuelle Diskussion zum Urheberrecht erinnert mich an die köstlichen Filmszene in „Findet Nemo“, in dem die gierigen Möwen um den auf dem Pier gestrandeten Nemo sich in eine Beanspruchungs-Kakophonie hineinsteigern: „Meins!“ – „Meins!“ – „Meins!“ … Genauso beharren Rechteinhaber heute darauf, dass alle Inhalte ihnen gehören: „Meins!“ Auf der anderen Seite die Gratis-Medien-Apologeten, die alles für lau haben wollen: „Meins!“

Eine grundlegende Diskussion zum Thema Urheberrecht, oder genauer gesagt zu den Nutzungsrechten ist längst überfällig. Für die Vergütung von geistigem Eigentum muss genauso dringend und zügig ein neuer gesellschaftlicher Konsens gefunden werden wie zum Thema Privatsphäre. Beides sind Themen, die in der digitalen Welt und der Welt der Zukunft besonders essentiell sein werden, weil sie eine zentrale Rolle im Wirtschaftgefüge einer kommenden Netzwerk- und Innovationsgesellschaft spielen werden. Um so wichtiger ist es, dass die Diskussion aus dem Reklamierungs-Geschnatter („Meins!“) befreit und wirklich zukunftsperspektivisch diskutiert wird, anstatt Vergangenheitsrecht für die Zukunft zu zementieren, wie das ACTA will.

Blüte der virtuellen Produktion

Einen sinnvollen ersten Schritt zur Klärung der Debatte hat Max Winde in seinem Blog 343max geliefert. Er definiert, ganz ohne jede Parteinahme für oder gegen Content-Eigner, wie denn ein Interessenausgleich idealerweise aussehen könnte. Leider – oder besser: verständlicherweise – liefert er keine Lösung, wie eine angemessene Bezahlung von Werken geistigen Eigentums aussehen könnte, wie hoch sie sein müsste/könnte und was die Nutzer dieser Werke möglicherweise zahlen würden – und wie? Das sind die zentralen Fragen und – leider – dafür gibt es dafür (noch) keine wirklich innovative, keine kreative Lösung. Vielleicht auch nicht, weil die wirtschaftlichen Bedingungen, in denen die Ideen-Industrie und die Jäger der Urheber-Schätze der Zukunft arbeiten werden müssen, noch kaum angedacht sind. Aber das wäre einen Versuch wert:

Max Winde hat in seinem Beitrag schon einen guten Hinweis auf die künftige Wichtigkeit von ideeller Produktion geliefert. Zitat: „Urheber sollten nicht schlechter gestellt werden als Produzenten von physischen Produkten. Vielleicht sogar besser: Wenn jemand ein physisches Produkt herstellt, dann vernichtet er dabei der Allgemeinheit gehörende Ressourcen. Diese Vernichtung von Ressourcen können wir vermutlich nur bremsen, wenn wir die Produktion von ,virtuellen‘ Produkten ähnlich lukrativ machen wie die Produktion von physischen Gütern.“ Richtig, die Produktion im virtuellen Raum wird in Zukunft immens wichtig werden. Es ist leicht, sich über Farmville & Co. lustig zu machen, aber das sind frühe, embryonale Vorboten einer Zukunftsindustrie der Virtualität.

Dysfunktionalität durch Rechtestreit

Fakt ist, dass unsere Welt noch nie so viele Menschen beherbergen und ernähren musste wie heute. Und noch nie auf einem so hohen globalen Wohlstands-Niveau wie heute. Wir werden als Folge davon künftig unglaublich viele Krisen, Irritationen, Hysterien und Konflikte erleben – das ist in solch einem hochentwickelten, nervösen, komplexen Systemen unausweichlich. (Mit Griechenland & Co. üben wir das gerade auf Sandkasten-Niveau!) Aber das ist in und mit einer Network-Gesellschaft lös- und bewältigbar, weil man so innerhalb kürzester Zeit Ideen und Lösungen finden – und umsetzen kann.

Das geht aber nur, wenn solch eine Ideen-Produktion in der Lage ist, ungehemmt und schnell zu operieren. Da darf keine Abmahn-Industriemit mit irrwitzigen Forderungen Knüppel dazwischen werfen. Die Kriege zwischen den Eignern von Smartphone-Patenten wie Apple, Google, Samsung, Nokia, Microsoft & Co. geben da nur einen ersten Vorgeschmack, wie ein überkommenes Rechtesystem droht, eine Branche – und eine Innovations-Sparte – dysfunktional werden zu lassen. (Meins! – Meins! – Meins!) Es ist hier gut zu erahnen, dass man in dieser vernetzten, globalen, innovationsbeschleunigenden Welt mit Besitzstandsdenken nicht mehr weit kommt und das Sharing-Prinzip funktionaler ist. (Sicher auch gegen entsprechendes Entgelt.)

Die Ideenlieferanten funktionieren

Allzu große Sorgen, dass uns in Krisensituationen die Ideen und Lösungen ausgehen, brauchen wir uns nicht zu machen. Denn die große Mehrheit der globalen Internet-Gemeinde ist von ACTA und sonstigem Urheberrechts-Klüngel nicht betroffen: China, Russland, Indien, ja fast das komplette Asien und Afrika und Südamerika machen bei ACTA nicht mit. (Die Schweiz und Norwegen auch nicht!) Hier werden daher die Ideen-Schmieden der Zukunft  entstehen, die schnell, pragmatisch und nötigenfalls rücksichtslos handeln werden. Schon heute ist die Mehrzahl der Websites und der Web-Inhalte asiatisch…

ACTA Unterzeichner

Fragt sich, ob wir uns hierzulande freiwillig der eigenen Dysfunktionalität ergeben wollen oder ob wir aktiv im Ideen-Wettbewerb mitmachen wollen. Genug einzubringen hätten Europa (West), Amerika (Nord) plus Anhang. Wir haben das Erfinden erfunden. Wir waren über Jahrhunderte die Innovatoren der Welt, im Guten wie im Schlechten. In uns müssten noch reichlich die Meme des Erfindergeistes vorrätig sein. Es wäre fatal, wenn statt ihrer die Häme der Ideen-Verwertungs-Industrie obsiegt.

Längere Fristen in einer beschleunigenden Welt

Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet Disney in der Sucht, sein Film und Figuren-Repertoire länger monetarisieren zu können, die Laufzeiten von Urheber- und Nutzungsrechten auf 70 Jahre verlängert hat. Das gab es nie zuvor. Und wir in Europa machen da brav mit. Und jetzt sind die Schutzzeiten so lang, dass sie wirkungsvoll zur Dysfunktionalität einer Ideen-Industrie beitragen.

In Zukunft, wenn es immer schneller immer mehr Ideen geben wird (s. o.), dann haben sie automatisch eine kürzere Laufzeit. Es ist also widersinnig, ihnen eine längere Rechte-Geltungsdauer zu geben. Wie will ein Rechteinhaber einer davorliegenden Idee gegen die darauf aufbauende seine Rechte einklagen, wenn die Welt- und Wirtschaftsgeschichte längst schon etliche Kapitel weiter ist?

Das Ende des Fortunismus

Die Vorstellung, dass Ideen eine Ewigkeit gelten und entgolten werden müssen, ist wohl auch der Angst geschuldet, nur eine begrenzte Zahl von Ideen haben zu können. Solche Ängste führten dazu, dass man Ideen ausgiebig verwerten wollte. Es ist ja kein Zufall, dass ausgerechnet die Film- und Musikbranche so sehr für ACTA kämpft. Zwei Industrien, in denen man Glück haben musste, um sein „Glück zu machen“. Ein Hit, und man war reich. Aber die Mehrzahl der Songs waren Flops. „Fortunismus“ nennt Peter Sloterdijk diese Art von kulturell sanktioniertem Glücksspiel.

Die Vorstellung, nur eine begrenzte Zahl an geistigen Werken in einem Leben schaffen zu können und davon umfangreich zehren zu müssen, ist mit einem Blick in die Zukunft absurd. Früher, zugegeben, waren erfolgreiche Ideen Mangelware, weil es schwierig war, dafür das nötige Publikum zu bekommen. Diese Wirtschaft der Verknappung ist seit dem Internet und seinen unendlichen Optionen der Wahrnehmung vorbei. Die Angst, Ideen könnten nur begrenzt vorhanden sein, ist in einer Netzwerk-Gesellschaft absurd, denn sie können hier so viel leichter und schneller entstehen. Und damit hat der Fortunismus ausgedient. Es reicht nun nicht mehr, eine oder wenige gute Ideen oder Werke zu schaffen. Jetzt muss man kontinuierlich, ein (langes!) Leben lang neue Ideen, Werke und Projekte entwickeln. (Ganz wie im richtigen Leben…)

Der Anfang von etwas radikal Neuem

Natürlich müssen gute, wichtige Ideen entlohnt werden, keine Frage. Je besser sie sind, mit um so mehr Geld. Und wenn es viel Arbeit, Planung und Investition gebraucht hat, um etwa eine Software zu entwickeln und zur Marktreife zu bringen, umso mehr. Trotzdem wäre es falsch und (zukunfts-)wirtschaftlich unvernünftig, auch hier zu lange Nutzungsfristen zu gewähren. Denn gute Ideen müssen sich verbreiten, und das schnell – und sie müssen weiterentwickelt werden. Die logische Folge: Schluss mit dem bisherigen Anspruchs-Denken! Her mit radikal neuen Ideen!

Mein Freund Helmut Müller, selbst Produzent hochspezialisierter Software, schreibt in einer Replik auf meine Facebook-Empfehlung des Blogs von Max Winde richtig: „Wir können alle miteinander die Auswirkungen der Digitalen Revolution auf unser ökonomisches, kulturelles und soziales System noch gar nicht abschätzen, wir sehen schemenhaft den Anfang von etwas radikal Neuem. Die Diskussion um das Urheberrecht lässt uns das erahnen, denn sie wird sich ergebnislos im Kreis drehen.“ – Der Anfang von etwas radikal Neuem, kann das nicht so aussehen? Eine Innovations-Gesellschaft mit einer ungeheuren Dynamik, die man lustvoll genießen kann. Und in der wundervolle Ideen (aber auch doofe) entstehen werden, en masse.

Aber wer wie und wie viel Geld damit verdient und wer wem wie viel Geld zahlt, das bleibt zu klären. Diesen Konflikt zwischen freier Verfügbarkeit von Ideen und angemessenem, unbürokratischem Entgelt zu lösen ist jetzt die große Aufgabe für unsere digitale Netzwerkgesellschaft. Aber eine Idee dafür ist nur zu finden, wenn man von den alten Zöpfen der Kreativ-Kultur und der Kreativ-Verwertung und von seinen Limitationen und Ängsten Abschied nimmt. Schluss mit „Meins! – Meins! – Meins!“

P.S.; Ein erster guter Ansatz eines zeitgemäßen Urheberrechts hat Marcel Weiß im ZDF Hyperland formuliert: Kürzere Schutzfristen, keine automatische Verlängerung, Opt-In statt Automatik, Erlaubnis der privaten Nutzung…

P.P.S.: Und hier bei neunetz.com eine sehr schlüssige Argumentation, warum es „geistiges Eigentum“ nicht geben kann – und nicht geben soll.

Augmented Retaility


Einkauf-Safari mit der Tram

Als ich ein kleiner Bub war, waren die Einkaufsfahrten in die Stadt echte Abenteuer, sozusagen Shopping-Safaris. Das wurde von langer Hand geplant, es wurde Geld besorgt (es gab ja noch keine Bankautomaten) und es wurden ausgiebig Pläne gemacht, wo man hin wollte und was besorgt werden sollte. Das Wort „Impulskauf“ war damals noch nicht erfunden – schon allein wegen der fehlenden Bankautomaten, Kreditkarten & Co.

Kaufhaus Oberpollinger

Wenn es dann in die Stadt ging – vom Stadtrand aus – dann ratterte man erst einmal für lange Zeit mit der Trambahn in die Innenstadt. Zuerst zum Ostbahnhof, dort gab es damals das Kaufhaus „Horn“. Das war eher klein, aber die Besitzerin Anna Horn, geborene Hübler, war mal Eisläuferin gewesen und hatte 1908 sogar olympisches Gold im Paarlauf gewonnen. Später war sie Sängerin und Schauspielerin, bis sie den Kaufhausbesitzer Ernst Horn heiratete. Nicht allein wegen dieser schönen biografischen Geschichte kaufte man dort ein. (So gesehen hat Marika Kilius falsch geheiratet. – Oder auch Rosi Mittermaier. Als Kaufhausbesitzersgattin müsste sie heute nicht durch Charts-Shows tingeln.)

Eine kleine Weltreise

Weiter ging es bei der Shopping-Safari durch Haidhausen und das Lehel ins Münchner Zentrum, zum Beck am Rathauseck, zum Kaufhof und natürlich zum Oberpollinger. Eine kleine Weltreise. Denn das war noch weit vor der Olympiade 1972 in München also lange vor dem Bau des S- und U-Bahn-Netzes in München und der Erfindung der Fußgängerzone. In der Innenstadt bewegten sich die Straßenbahnen damals mit gestoppten 4 bis 13 Stundenkilometern. So verwinkelt und verstaut war die Stadt.

An dieser Stelle ein kleiner Exkurs in Sachen Olympiade. Ich habe München vor, während und nach der Olympiade 1972 erlebt. Damals wurde aus einem verschlafenen Nest vor den Alpen eine wirklich attraktive Stadt. Und durch den Bekanntheitsschub wurde München in der Folge eines der beliebtesten Reiseziele Europas und eine der attraktivsten Städte für Arbeitnehmer. Da bleibt einem nur ein verzweifeltes Kopfschütteln, wenn Teile der bayerischen Grünen hier Profilierungsoptionen wittern. Zugegeben, Olympia 2018 ist was anderes als Olympia 1972, es ist kommerzialisierter und gigantomanischer. Aber es bringt unverändert viel. (Mal ganz zu schweigen, wie nötig Garmisch-Partenkirchen diesen Innovationsschub bräuchte!)

Reasons to buy

Aber weiter geht die Shopping-Safari durchs München der 60er-Jahre. Da es die Fußgängerzone nicht gab, schob man sich auf schmalen Bürgersteigen von Geschäft zu Geschäft. Die steuerte man gezielt an, weil „man“ dort kauft, und nicht anderswo. Das hatte zum einen mit dem sozialen Status des Geschäftes zu tun (Empfehlungen), mit seinem Renommee (siehe Kaufhaus Horn), seiner Historie (also ging man zu Oberpollinger), oder aber seinen Marketing-Aktivitäten.

Klamotten etwa wurden bei uns entweder bei Hirmer (Renommee) gekauft, dann durfte das auch ein wenig teurer sein (obwohl eisern gespart wurde, wir hatten ja unser Reihenhaus abzubezahlen!). Kleidung wurde aber vor allem bei Konen gekauft. Nicht nur, weil das Haus gute Ware und eine große Auswahl hatte, sondern vor allem, weil es einmal im Jahr Mütter und Kinder ins Deutsche Theater einlud, sie dort bewirtete und eine wunderschöne, liebevoll gemachte, große Show mit Artisten, Zauberern, Sängern – und natürlich auch einer Modenschau veranstaltete. Einmal habe ich es mit meinen hypnotisch auf den Laufsteg fixierten, glänzenden Augen und einem staunenden Liebkindgesicht sogar bis in die Wochenschau und als Foto in die Abendzeitung geschafft. Da war meine Mami stolz – und Konen hatte eine Stammkundschaft mehr.

After Sales Rituale

Das Kaufen selbst war aber eine Pein. Das war zum einen der üblichen, kindlichen Ungeduld geschuldet, vor allem aber dem wirklich kritischen Konsumverhalten meiner Mutter. Nur wer als Verkäufer ihren inquisitorischen Fragen stand halten konnte, hatte eine Chance, Umsatz zu machen. Wie gut ist der Stoff? Sitzt der auch noch in ein paar Jahren etc. Gibt es das nicht auch billiger? Und dieser Fleck hier, der ist doch auf jeden Fall ein Grund für eine Preisminderung! Ich fand das immer nur peinlich. Und die Schnäppchen, die sie so machte, waren fatal. Meine Ski oder meine Eislaufschuhe waren so minderwertig, dass ich den einen Sport sehr spät mit einem anderen Paar Skier lernte, Eislaufen habe ich nie gelernt.

Aber immerhin gab es nach dem Einkaufsmarathon immer eine Belohnung. Es gab wahlweise eine meiner Leibspeisen: ein halbes Hähnchen vom Grill bei Hertie oder den unnachahmlichen Backfisch mit Kartoffelsalat bei Hein Essers Hamburger Fisch(brat)stube am Isartor. (Dass es letztere nicht mehr gibt, ist ein echter Verlust. Das beste denkbare Fastfood auf dieser Seite des Atlantiks.)

Geo, Time und Ego-Location

Warum diese Kindheitserinnerungen ausgerechnet heute emporkommen? Das ist dem sehr schönen Papier des Trendbüros zum Thema „Augmented Retaility“ zu verdanken. Hier ist sehr gut das Mulitichannel-Kauferlebnis der Zukunft in einem Mix aus Mobile Internet, Social Media und Geolocation beschrieben. Die drei vielleicht wichtigsten Thesen des Papiers:

  • Kunden suchen nicht mehr Produkte, sondern Produkte müssen ihren Weg zum Kunden finden.
  • Augmented Retail muss Kunden einen Mehrwert in den Dimensionen von Ort (Geo), Zeit (Time) und Ich-Findung (Ego Location) bieten.
  • Wer nicht zugleich im Internet, im Mobilen Netz und dem Augmented Web präsent ist, wird nicht wahrgenommen.

Das Intermezzo des Lust-Shoppings

Es wird also wieder wie früher sein. Man geht nicht mehr frank und frei durch die Stadt und durch die Shops und lässt sich vom aktuellen Angebot verführen. Das Intermezzo des Lust-Shoppings, bei dem man sich selbst zum Konsumenten-Freiwild machte, ist vorbei. Es geht nicht mehr um immer ausgefallenere Konsumideen, auch nicht mehr um immer aberwitzigere niedrige Preise, sondern um eine persönliches Verhältnis zum Kunden, um stete und spontane Verfügbarkeit und um ein Renommee, das vom sozialen Umfeld geprägt bzw. „genehmigt“ wird.

Wir kehren wieder zu einem weit persönlicheren Verhältnis beim Kaufakt zurück. Der große Unterschied ist nur, dass wir uns nicht mehr wie einst auf einen beschwerlichen Weg machen müssen, wollen wir etwas kaufen, sondern es kommt alles auf uns zu. Der Anbieter, das Produkt und die Idee, es zu kaufen. Und das ohne alle werbliche Anbiederung, ohne alle marketingtechnische Manipulation, sondern ganz reell, ganz ernsthaft und ganz persönlich. Und so kurios es klingen mag, erfolgreiche Retailer der Zukunft können sich ein Vorbild an den Erfolgskonzepten von einst machen. Die Zaubermittel sind sehr ähnlich: Produkt-Qualität, Uniqueness, Storytelling, Investment in Customer, Content, Renommee, History, Beratungs-Qualität, Individualisierung, After-Sales, Direct Marketing etc. – Siehe oben!

Interaktives Speisen


La Baracca, die Faszination selbstbestimmten Essens

Keine Angst, hier kommt keine Restaurantkritik. Nein nur die Schilderung einer kleinen Lehrstunde in Sachen Interaktivität, Selbstbestimmung – und wenn man so will: Digitalität. La Baracca ist das neue In-Restaurant in München. Immer voll, man kann nur mit Glück Tage im voraus einen Platz reservieren. (Vor Weihnachten war es dann ganz aus, da haben Firmen und Abteilungen ganze Fluchten reserviert – oder gleich das komplette Restaurant in Beschlag genommen.)

Das Besondere am Baracca ist, dass man hier nicht bei Kellnern bestellt, sondern alle Speisen über einen kleinen Tablet-Computer (nein, kein iPad!). Dort sind alle Speisen samt Foto und allen digestiven Werten (Kalorien, Fette etc.) verzeichnet und werden über das Device direkt bestellt. Und keine drei, fünf oder sieben Minuten später wird alles an den Tisch gebracht. (Pech hat, wer den guten Rat nicht befolgt, und gleich komplett alle Gänge bestellt. Die kommen dann gnadenlos alle gleichzeitig an den Tisch.)

Italieneske System-Gastronomie

La Baracca nennt sich“ italienisches“ Restaurant. Solche Anmaßung kennt man ja schon von der Vapiano-Kette. Bloß weil die Speisen italienisch heißen und aussehen, sind sie es noch lange nicht, vor allem wenn sie systemgastronomie-gerecht nach dem Prinzip „schnell und unaufwändig“ produziert werden. Das ist italienesk, nicht italienisch.Das Italienische an dem Restaurant ist am ehesten, dass es in den Räumen am Maximiliansplatz zuhause ist, in dem einst Ferraris verkauft wurden. Und o.k., das Design könnte man modern italienisch nennen – und das ist wirklich gelungen.

Der geneigte Leser ahnt es: Ich war zutiefst von der Qualität der gebotenen Speisen gefrustet. Nichts war richtig schlecht, aber halt auch nichts richtig gut. Schlimmster Fauxpas sind die Pizzen. Sie sind im Prinzip nicht schlecht, dünn und knusprig, aber weil es schnell und systemkonform gehen muss, werden alle Extrabeilagen erst nach Fertigstellung der Pizzchen kalt darauf gelegt. Kalter Schinken auf lauwarmer Pizza, das muss man mögen.

Das Ende jeder Diskretion

Aber ich habe ja versprochen, keine Restaurantkritik abzuliefern. Daher noch das letzte große Manko des Hauses. Da ja jeder Essplatz seinen eigenen Tablet-Computer hat, der mit einem dicken Kabel in einem Aufbewahrungsschacht steckt, sind die Tische extrem breit, um Platz für Computer plus Essplatz zu schaffen. Das bringt es mit sich, dass man sich kaum mit seinem Gegenüber am Tisch unterhalten kann, es sei denn man spricht sehr laut. Da das aber so ziemlich alle tun, ist es zum einen sehr laut (was zu noch mehr eigener Lautstärke führt) und zudem bekommt man wirklich in aller Deutlichkeit mit, was die Tischnachbarn bewegt. Da reicht das Spektrum von Büroalltag bis zu Beziehungs-Intimitäten. Diskretion ade!

Damit nicht genug der Ärgerlichkeiten. Im Baracca werden alle Bestellungen auf einen  Chip gespeichert, der in einer Art Leder-Ticket verborgen ist. Keine schlechte Idee eigentlich, wenn sie nur funktioniert oder wenn dadurch das Auschecken schneller ginge. Weil das System aber noch hakt, ist leider das Gegenteil der Fall. Das führt zu reichlich Ärger am überforderten Check out. Im La Baraacca kann man sich mit diesem Leder-Chip auch seinen Wein selbst an einer Art Automaten abfüllen und so etwa das Weinangebot vorkosten. Aber auch hier mit der Einschränkung: wenn es nur gut funktionieren würde.

Es gibt also genug zu bemängeln im La Baracca. Eigentlich keine übliche Erfolgsmethode. Aber dessen ungeachtet brummt das Lokal – und man wird immer wieder gefragt: warst du schon… da musst du hin! Man schaue nur mal zu Qype: das Bild ist kurios. Die eine Hälfte der 67 Bewertungen sind Lobeshymnen, die andere Hälfte Verrisse und Schilderungen von Rundum-Desastern. Und beide Positionen werden mit viel Emotion und Herzblut vertreten.

Der Erfolgsfaktor De-Personalisierung

Blieb vor Ort – und auf der Rückfahrt genug Zeit, mal kurz zu reflektieren, warum Menschen und ganz besonders junge Frauen, die das Gros des Publikums stellen, bereit sind, mediokre Essqualität, technische Widrigkeiten und eine handfeste Lärmkulisse nicht nur zu tolerieren, sondern sogar deutlich zu goutieren. Sonst würden sie dieses Lokal nicht auch noch lautstark empfehlen, weil hip und so geil digital.

Meine These über den Erfolg von La Baracca geht so. Ein junges, computeraffines Publikum ist es längst gewohnt, online zu bestellen, warum nicht auch im Restaurant. Der Vorteil. Man muss nicht darauf warten, bis ein Kellner/eine Kellnerin einem die Gunst schenkt. Und man wird auch bei seiner Bestellung zu nichts genötigt, nicht mal durch  hochgezogene Augenbrauen. „Ein Rotwein zum Fisch, Madame?“ Man kann sich nicht blamieren, indem man was falsch ausspricht. Die De-Personalisierung ist garantiert ein Erfolgsfaktor. Und zugegeben, es kommt wirklich alles sehr schnell an den Tisch.

Und es scheint außerdem ein Restaurant-Klientel zu geben (junge Damen beispielsweise), das sehr gerne genau Bescheid wissen will, wie viele Kalorien bzw. welche Kohlehydrat-, Fett- und Einweißmengen sich demnächst auf den Weg in den eigenen Magen machen beziehungsweise sich in die Fettpölsterchen abzulagern drohen. Die Rationalisierung des Ernährungsvorganges ist wohl allenthalben auf dem Vormarsch.

Zeitgerechtes Gerichte-Sampling

Die Befreiung vom Diktat des persönlichen Umgangs, der Anonymisierung des Bestellvorgangs wird scheinbar als Akt der Befreiung erlebt. Man kann sich seine Menüfolge völlig willkürlich zusammenstellen. Man kann mit Süß anfangen und mit Sauer aufhören, man kann mehrere Desserts nacheinander verdrücken, und keiner mosert. Vor allem aber kann man in der Gruppe alles mögliche durcheinander bestellen und dann untereinander austauschen und probieren. Diese Interaktion hat einst das Fondue zur beliebten Gruppen-Degustation werden lassen.

Der Trend zum interpersonellen Essen und dem Speisen-Sampling nimmt sowieso schon längst spürbar zu. Man pickt sich durch die Teller der Anwesenden anstatt sich auf eine bestimmte Speise festzulegen. Social Media à la carte sozusagen. Es gibt schon Menschen, die erst abwarten, was die schlimmsten Teller-Ursupatoren bestellen und bestellen dann dasselbe, weil sie nur so die Chance haben, ungestört ihren Teller aufessen zu können.

Fragt sich, ob die Prinzipien des Internets La Baracca so erfolgreich machen : Online-Bestellung, Kosten-Kontrolle, umfassende Information (KalorienLeaking), Instant-Delivery, Interaktion, Sampling, Anonymität, social? Oder sind genau das die inneren Bedürfnisse unserer Zeit – und sie haben das Internet so erfolgreich werden lassen? Oder noch einmal anders herum: Sie geben uns so viele Freiheiten, sie geben uns mindestens das Gefühl, selbstbestimmt zu sein, und spontan und unkonventionell… – Daher ist es so wichtig, dass jeder, der heute erfolgreich sein will, mit einer Business-Idee, einer Marketing-Kampagne etc. diese Prinzipien anwendet.

Das blanke Handgelenk


Die Entzeitlichung der Zeit

Es passiert immer öfter, dass man von jungen Menschen angehauen wird. Nicht um Geld, sondern um Zeit: „Wie spät ist es denn?“ Nicht dass diese Jugendlichen und Jung-Erwachsenen nicht das Geld hätten, sich eine Uhr zu kaufen. Vor allem, seit diese auch schon für wenige Euro zu haben ist. Ja nicht einmal, wenn sie das Geld hätten, sich teure, schicke Uhren zu leisten, sie würden darauf verzichten.

Uhren sind uncool. So wie offene Schnürsenkel und unter dem Hüftknochen platzierte Hosen signalisieren, ich bin cool, ich werde nie einen eilenden Schritt tun, entsprechend zeigt das Fehlen einer Uhr, dass man sich nicht von der Hektik unserer Konsum-/Medien-/Geschäfts- und Arbeitswelt tyrannisieren lassen wird. Das blanke Handgelenk als schicke beiläufige Geste des Protests gegen den Status Quo.

Die amerikanische Vordenkerzeitschrift “The Atlantic“ sorgt sich daher schon darum, dass in jungen Kreisen die übliche Handgeste, wenn man auf das Handgelenk deutet, um stumm nach der Uhrzeit zu Fragen, nicht mehr funktioniert: „Was will er, wenn er dahin zeigt? Hat er Schmerzen im Handgelenk?“

Ohne Zeit keine Leistung

Sehr schön wird im Artikel im „Atlantic“ die Historie der Chronisierung und Mechanisierung der Zeit skizziert. So gesehen sind Uhren und deren Zuwachs an Macht ein Synonym für unsere Industriekultur, den Kapitalismus und das Leistungsprinzip: Leistung = Arbeit x Zeit. Was für eine Perspektive. Auf der einen Seite geht uns die Arbeit aus – und nun vaporiert auch noch die Chronologie. Wie soll sich dann Leistung noch lohnen, Herr Ackermann?

Ich bin nun ein Vielfaches zu alt, um so cool sein zu können wie die uhrlosen jungen Leute, ja auch alt genug, um es nicht mehr sein zu wollen. Trotzdem trage ich keine Uhr. Zum einen hat mich noch nie die Idee fasziniert, den Gegenwert eines Gebrauchtwagens oder gar eines Kleinwagens am Handgelenk spazieren zu tragen. Es war mir schlicht körperlich unangenehm. Warum sollte ich die Manschetten meiner Hemden hoch krempeln, um dann trotzdem noch immer kein freies Handgelenk zu haben? Und ein nettes, kluges oder witziges Wort schmückt allemal mehr als eine dicke Rolex (& Konsorten).

Entspannter Umgang mit Zeit

Jetzt ist mein Handgelenk wieder nackig, denn ich brauche längst keine Uhr mehr. Es gibt genug rundum. Im Arbeitsumfeld sowieso oder etwa am Computer, aber auch massenweise im öffentlichen Raum. Spätestens seit das Smartphone unabdingbar ist, weiß zumindest ein Apparat, den ich bei mir trage verlässlich, wie spät es ist. Das ist die rationale Seite der Geschichte. Aber steckt nicht auch ein Körnchen Attitüde dahinter? Wahrscheinlich.

Ich bin nicht der Einzige meiner Generation, der bewusst auf einen Zeitmesser verzichtet. Professor Karlheinz Geißler, seines Zeichens Zeitforscher, tut das ebenso, wie er in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung berichtet. Sein Argument für den Uhrenverzicht ist ein entspannteres Verhältnis zur Zeit. Um nicht zu spät zu kommen, ist er häufiger früher da und nutzt die verbleibende Zeit, und gesteht aus dieser entkrampften Haltung jedem Menschen auch zu, zu spät zu kommen – und definiert das als Höflichkeit. (Daran kann ich noch arbeiten.)

Wir Händler der Zeit

Den wichtigsten Punkt aber streift er nur kurz: Die Uhr als Taktgeber unserer Gesellschaft hat längst ausgedient. Wir sind nicht mehr Sklaven der Taktung nach Stunden und Minuten, wir sind inzwischen auf der nach oben offenen Skala der Souveränität zu geschickten Händlern und Kaufleuten der Zeit aufgestiegen. Wir verabreden uns nicht mehr zu festen Zeiten, sondern nur unverbindlich in groben Zeitrastern, um dann die Details on the fly, bzw. via air per Handy aktuell vor Ort zu verhandeln: „Wo bist du gerade? – Ich bin hier. – Kommst du die nächste halbe Stunde vorbei?“

An der Deflation der Zeit ist (natürlich!) auch die Digitalität schuld. Seitdem wir uns Dinge jederzeit und überall zu Gemüte führen können und wir uns nicht mehr zu fixen Zeiten vor Radios versammeln müssen, um Musik zu hören oder vor TV-Geräten, um Nachrichten zu erfahren oder eine Sendung zu sehen, ist die Zeit beliebiger geworden.

Die befreite Zeit

Zugleich ist die Zeit immer unverbindlicher geworden – und sie wird es durch unseren Umgang mit der Zeit immer noch mehr. In einer globalen Welt, die sieben Tage die Woche rund um die Uhr (!) 24 Stunden lang ohne inne zu halten funktioniert, ist die Zeit quasi deflationiert. Wir haben immer weniger davon, sie ist (uns) aber trotzdem immer weniger wert.

Das fällt am meisten auf, wenn die Zeit einmal völlig außer Kraft gesetzt ist. Fragen Sie Ihre Freunde oder Kollegen, die beim Vulkanausbruch des Eyjafjallajökull  irgendwo in der Welt gestrandet sind und nicht mehr weiter kamen, wie sich das anfühlt. Erst unangenehm, dann rundum befreiend.

Evolution der Zeit

Und hier ist der nächste Schritt der evolutionären Entwicklung der Zeit zu erahnen: Über Zeit entscheidet nicht mehr die neutrale, von Wissenschaftlern definierte Zeit von Minuten und Stunden, Tagen und Jahren, sondern unser ganz persönliches Verhältnis zur Zeit. Jeder kennt das Gefühl, dass sich die Zeit verdichtet, wenn etwas interessant ist und wie sehr sich Zeit verdehnen kann, wenn dem nicht so ist.

Je mehr wir autonome Personen werden, die sich nicht von einer ideellen oder orologischen Taktung des Lebens tyrannisieren lassen, desto mehr werden wir Herrscher unserer Zeit. Und je mehr sie sich dabei verdichtet, desto wichtiger wird der Augenblick – und desto nebensächlicher wird Vergangenheit – oder wird jedes bange machen vor der Zukunft unwahrscheinlich.

Die Augenblicklichkeit – also der Genuss des Hier und Jetzt ist doch eine wunderschöne Vision. – – – Vor allem hier und jetzt, während ich mit dem Zug nach Süden fahre…

Aber halt, ich bin ja schon da und muss aussteigen… – die Zeit ist wie im Flug im Zug vergangen…

P.S.: Jetzt hat auch Spiegel Online das Thema aufgegriffen: „Der digitale Schwarm“.

Gänsehaut-Feeling


Warum nur haben wir das Staunen verlernt?

Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als ich bei Microsoft in Deutschland anfing. Ich kam aus dem Staunen nicht heraus. Alles war so anders, so großzügiger, so arbeitnehmerfreundlich. So hatte ich es in den vielen Jahren bei Medien nie kennengelernt. Nur die Mittagskantine bei Scholz & Friends in Hamburg war stylischer und das Essensangebot noch ein bisschen besser. Aber hier: eine Kantine mit allem, was das Herz (nein, der Magen) begehrt. Von ungesund und fettig (Pommes) bis zu Bio-Gemüse und Gesund-Qualität war alles geboten. Und dazu schöne Cafeterias und Kaffeeküchen mit einem breiten Angebot an Gratisgetränken – und ein breites Angebot an Sportmöglichkeiten.

Wir alle, die neu zu Microsoft gekommen waren, um Sidewalk in Deutschland zu launchen (na ja, war dann nix), waren beeindruckt und begeistert. Aber kam man ins Gespräch mit Alteingesessenen, dann wurde nur genörgelt und geschimpft. Haupt-Tenor: Früher war alles besser! Es ist faszinierend, wie schnell man sich an neue Dinge gewöhnt und aus der Gewöhnung heraus dann auch kontinuierlich abwertet. Die Gewöhnung ist der Feind jeder Begeisterung, jeden Staunens. Wir sind wirklich gut darin, uns flugs an ein hohes Niveau zu gewöhnen und dies ab sofort als neuen Normalfall zu eichen. Und ab da an kann es fast nur noch bergab gehe…

Unsere Unfähigkeit, über schöne Dinge zu Staunen und sich darüber von Herzen zu freuen, hat der amerikanische Autor und Comedian Louis C.K. (bürgerlich: Szeleey) in seinem Interview bei der Late Night Show perfekt analysiert. Er bringt den Saal vor Lachen zum Kochen (und schaffte bislang über 2 Millionen Abrufe bei YouTube), indem er daran erinnert, was früher der Normalfall war, und welchen Komfort man heute – nörgelnd – für selbstverständlich hält. Beispiel Flugzeug. Tatsache ist: „You’re sitting in a chair, flying!“ Wer schafft es noch, so zu denken. So real – und staunend wie ein Kind?

Positive Verdrängung

Unsere segensreiche Fähigkeit, unangenehme Dinge möglichst schnell verdrängen zu können und zugunsten schönerer Erinnerungen auszutauschen, funktioniert leider auch  recht gut, um auch schöne und spektakuläre Dinge der Vergessenheit anheim fallen zu lassen. Diese Verdrängungsleistung lässt uns immer neue Höhen technischen Fortschritts und hilfreicher Dienstbarkeiten erklimmen – aber ohne positive Wirkung auf unser Seelenkostüm.

Um noch über Selbstverständliches staunen zu können, muss man sich gut in die Vergangenheit und deren Banalitäten zurückerinnern können. Man muss zugleich sensibel für die Alltagswunder sein, die uns eine technische Wunderwelt seit Jahrzehnten zur Verfügung stellt. Weil wir uns aber – natürlich auf ganz hohem Niveau – im täglichen Klein-Klein verheddern und über so viele kleine und große Unzulänglichkeiten aufregen können, geht uns das Staunen über die großen Schritte verloren. Fazit von Louis C.K.: „Everything is amazing and nobody is happy!“

Arsenal des Staunens

Was gibt es nicht alles, worüber wir eigentlich noch immer staunen müssten? Ich freue mich noch immer über den grünen Klee, wenn ich an den alten Grenzstationen – etwa Kiefersfelden und am Brenner – einfach vorbei fahre. Wieviel Zeit ist mir da im Stau gestohlen worden. Oder auf der Fahrt nach Berlin: Da überkommt mich an den Orten, wo einst die Grenzkontrollen standen, noch immer eine Gänsehaut. Dieser Psychoterror, der da zuverlässig geliefert wurde – von Menschen, die heute meine Mitbürger sind.

Oder wie einfach es geht, einen Artikel wie diesen öffentlich zu machen. Ganz ohne jedes Problem. Ohne Chefredakteur, ohne Produktioner, ohne Drucker, ohne Auslieferung – und gratis!  (Nur eine Schlussredakteurin gibt es – sehr zum Wohle meiner Rechtschreibung: Heidi Rauch.) Und ebenso einfach ist es, solch einen Artikel zu lesen – und überhaupt zu finden. Wenn man liest, mit welchen Stichworten Leser zu diesem Blog finden: wirklich phänomenal. Oder das Internet mit allen seinen Ausformungen nach nur 15 Jahren. Was für ein Wunder! Ich staune wirklich immer wieder ganz real, was sich da entwickelt hat. Inklusive wohligem Schauer.

„Everything is amazing and nobody is happy!“ – Ich kann nicht nur staunen, ich empfinde auch echt und wirklich Glück, über all die Veränderungen, die ich in meiner Lebensspanne erleben durfte: Inzwischen 65 Jahre Frieden in Europa. 55 Jahre Wohlstand in Deutschland und rundherum. Permanent steigende Lebenserwartungen. Ein entsprechend hoher Gesundheitszustand inklusive wahrer Wundertaten der Medizin. Und was wir heute alles genießen dürfen, kulturell, kulinarisch, musikalisch, intellektuell, einfach so, nach jedem Gusto und meist frei Haus!

Die Kraft der positiven Veränderung

Das alles ist kein Grund, nicht die negativen Effekte zu sehen. Es ist kein Grund, Missstände nicht laut anklagen zu dürfen. Und keine Frage, es gibt noch mehr als genug, was dringend geändert und verbessert gehört. Aber ich habe den schweren Verdacht, diese nötigen Veränderungen sind leichter anzugehen und zu meistern, wenn man sich bewusst macht, was möglich ist und was schon alles geschafft worden ist. Und ich vermute, mit dem Glücksgefühl, was schon alles geschafft worden ist, lassen sich die anstehenden Aufgaben besser angehen – und der Spirit der Innovation nährt sich besser aus Erfolgen als aus Mutlosigkeit und Depression.

„Everything is amazing and nobody is happy!“ Glücklich zu sein, einfach so, das ist uns in unseren Breiten- & Längengraden hochgradig verdächtig. Glück will sauer verdient sein. Glück muss vorzugsweise mit einem gerüttelt Maß Ärger, Frust und am besten auch noch Depression erarbeitet werden. Sich einfach so zu freuen über all das, was schon erreicht ist, was unseren Alltag einfacher und schöner macht, was für eine irritierende Vorstellung…

Gute Freunde


Oh wie schön ist Facebook-Land

Ich liebe meine Facebook-Familie. Es gibt immer etwas Interessantes zu lesen. Man erfährt die wirklich wichtigen Neuigkeiten, bekommt gute Tipps, inspirierende Literaturempfehlungen und die Diskussionen sind mal kritisch, fast immer befruchtend, immer fair und manchmal herrlich frei blödelnd.

Kein Wunder, Meine Facebook-Familie ist ein wunderbarer Mix von Menschen aus den verschiedensten Phasen meines Berufslebens – gerade auch aus der vor-digitalen Zeit. Es sind dazu Menschen aus dem nähesten Umfeld (Familie) und nicht ganz so nahen. Es sind Menschen aus verschiedensten Regionen, Ländern und Kontinenten. Menschen der verschiedensten Generationen, von 12 bis 65+ Jahren.

Entsprechend divers sind deren Posts, deren Themen, deren Ideen und deren Einwürfe. Entsprechend vielfältig die Tonalität, von wortkarg über alltagspoetisch bis hin zu wort- und postreich. Nur ganz wenige Posts in Facebook sind fade und uninteressant. Sie sind schnell überlesen. Die meisten wecken dagegen meine Neugier oder befriedigen sie.

Evolution zum sozialen Wesen

Dann die vielen wunderschönen Bilder, Videos und interessanten Links. So viel neue Gedanken und grandiose intelligente Einwürfe hätte ich ohne meine Facebook-Familie verpasst. So viele intelligente, innovative oder witzige Anregungen, Artikel, Vorträge und Präsentationen. Aber ebenso viel Poesie, wunderbare Alltagsidyllen und Kommentar-Haikus. Kurzum: Oh wie schön ist Facebook-Land. (Ein wunderbarer Artikel (auf Englisch) zu diesem Thema – plus Farmvílle – findet sich hier.)

Vor allem aber erzieht Facebook einen selbst auf angenehme Weise. Man nimmt die Welt bewusster wahr, immer mit dem Hintergedanken, kann das auch andere interessieren? Ist es wert, gepostet zu werden? Vor allem aber hat mich Facebook gelehrt, mein soziales Umfeld bewusster wahrzunehmen und wertzuschätzen.

Kein wichtiger Geburtstag wird mehr vergessen, und vermeintlich „unwichtigere“ ebensowenig. Und im Laufe der Zeit gibt es keine unwichtigen Geburtstage mehr, schließlich ist jeder meiner Facebook-Kontakte Teil meiner digitalen Familie. (Deswegen hält sich die Zahl meiner Kontakte dort auch ganz bewusst in Grenzen.)

Aggression vs. Empathie

Wenn man so enthusiasmiert ist von Facebook wie ich, dann ist man um so verdutzter, wenn man temperamentvolle Facebook-Allergiker und -Feinde trifft. Davon ist die eine Hälfte ideologisch verblendet. Sie sehen in Facebook nur den Inbegriff menschlicher Eitelkeiten und von rigorosem Narzissmus. Sie tun das, ohne sich je wirklich auf Facebook eingelassen zu haben oder es gar je ausprobiert zu haben. (Meine Meinung zu Facebook-Kritikern, die es selbst nie probiert haben, findet sich unter dem Titel: Mach mich nicht nass!) Das kann man mit einem Schulternzucken abtun.

Viel schwieriger ist es, wenn man gerade von Jugendlichen hört, dass Facebook öde und langweilig ist, weil nur Fadheiten und Überflüssiges gepostet werden – oder schlimmer, dass Facebook (& Co.) ein Hort des Mobbing und der gegenseitigen Kränkungen ist.

Das Fatale ist, dass man den Freundeskreis eines anderen und die dort geübten Posting-Qualitäten nie wirklich kennenlernen können wird. Es ist aber gut vorstellbar, dass nicht jede Facebook-Community gleich attraktiv ist. In meinem Umfeld gibt es viele Journalisten und Werber, die sind meist besonders medienaffin und können gut schreiben – und tun das oft und gerne. Entsprechend lesbar und interessant sind deren Posts. Und sie leben auch meist ein sehr abwechslungsreiches und öffentliches Leben. Entsprechend spannend sind deren Beobachtungen und Tipps.

Jeder Freundeskreis ist anders

Wenn man ein weniger aufregendes Leben hat oder unbewusster vor sich hin lebt und nicht gewohnt ist, seine Reflektionen passend in Worte (oder in Bewegtbildern) zu kleiden, ist die Gefahr groß, dass reine Belanglosigkeiten im Facebook-Umfeld ausgetauscht werden oder gar Übersprungshandlungen passieren wie Mobbing und andere aggressive Akte. Wer das mit dem Spruch kommentiert, „Jeder hat den Freundeskreis, den er verdient.“, der macht es sich da zu leicht.

Aber Facebook ist nicht so erfolgreich geworden, weil sich dort Menschen Gemeinheiten oder Belanglosigkeiten um die Ohren hauen. Da hier ausschließlich Menschen unter ihrem Namen und mit ihrer Persönlichkeit mit Freunden oder nahen Bekannten beisammen sind, herrschen normalerweise eine Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Solidarität und ein Enthusiasmus, wie im echten Leben eher selten anzutreffen sind.

Man muss sich nur einmal die Foren etwa der Süddeutschen Zeitung oder des Spiegel ansehen, wie viel Destruktion, Frustration und Aggression dort herrschen. Und wie herrlich anders, nämlich positiv, konstruktiv und empathisch geht es in den mir zugänglichen Facebook-Familien und Twitter-Communities zu. Ganz im Sinne unseres singenden Fussballheroen und Allzweck-Kaisers Franz:
„Gute Freunde kann niemand trennen – Gute Freunde sind nie allein – Weil sie eines im Leben können – Füreinander da zu sein.“

Füreinander da sein

Franz Beckenbauer singt dieses Lied noch immer gerne, wie ich vor ein paar Wochen bei einem Benefiz-Golfturnier zugunsten seiner Stiftung feststellen durfte. Und er lebt dieses Prinzip. Es waren viele seiner Vereinskameraden von damals dabei (Dürnberger, Janzon, Roth etc.). Und in meinem Flight spielte ein Nachbarsbub von früher, mit dem er auf Giesings Bolzplätzen als Bub gekickt hatte. Nach zig Jahren erinnerte er sich tatsächlich an ihn – und tat nicht nur so.

„Füreinander da zu sein“, das muss im Zentrum einer Freundschaft stehen. Oder wie man in Bayern sagt: „Man muss gemeinsam ein Scheffel Salz essen.“ Meint: es gibt nicht nur schöne und harmonische Zeiten in einer Freundschaft. Und gerade dann, wenn es darauf ankommt, dann beweisen sich Freundschaften.

Mal abwarten, wie Facebook sich hier bewährt. Noch ist diese Plattform ein wenig zu jung, um zu sehen, wie weit es funktionieren kann, online/virtuell füreinander da zu sein oder sich gar real zu helfen. Aber immer mal wieder erlebt man auch hier Brisantes, ob Krankheit, Liebeskummer oder Ratlosigkeit. Und da sehe ich oft sehr sensible Versuche der Unterstützung.

Bei handfesten Problemen, ob es um einen Umzug geht oder ob um Ratschläge gebeten wird, da wird zumindest in meinem Umfeld ernsthaft versucht zu helfen. Vielleicht nicht immer sehr wirksam, vielleicht nicht nachhaltig. Aber das kann ja noch werden. Wir sind ja vielleicht gerade erst mal ein gutes Jahr auf diese Weise miteinander verbunden. Ich bin gespannt…