Unter Generalverdacht


Schlapphüte, die Herrscher der Welt

Es wird Zeit für ein Geständnis. Ich bin vorbestraft. Zweimal sogar. Einmal wegen unberechtigtem Tragen von Dienstuniformen. Das war, als ich Anfang der 80er-Jahre mit Fidelis Mager zusammen für die Münchner Stadtzeitung als vermeintlicher Schwarzer Sheriff durch die Münchner Innenstadt patrouillierte. (Die Geschichte ist hier im Blog ausführlich dokumentiert.) Und dann wurde ich damals noch einmal für eine investigative Recherche wegen „Urkundenfälschung“ verurteilt. Ich hatte Visitenkarten für eine fiktive Firma, in deren Namen ich recherchierte, drucken lassen.

Feind hört mitDie Geldstrafen von damals sind längst vergessen und verdrängt – und wohl auch aus meinen Polizeiakten gelöscht. Das weiß ich, seit ich vor ein paar Jahren bei einer Zeugenbefragung nach Vorstrafen gefragt wurde. Ich antwortete in voller Unschuldsvermutung mit einem spontanen „Nein“. Der Beamte gegenüber sah mich daraufhin mit leicht sorgenvoller Miene an und machte erst mal eine beredsame Pause. Dann bedauerte er: „Meine Informationen hier auf dem Bildschirm sagen da was anderes.“ Fakt war, es waren keine Vorstrafen (mehr) registriert, dafür gab es einen Vermerk, dass Vorstrafen gelöscht waren.

Wir sind alle Verbrecher – irgendwie

Was für Vorstrafen und für welche Vergehen – das war nicht vermerkt. Der Beamte mir gegenüber konnte also, sofern er ein wenig phantasiebegabt war, alles Mögliche vermuten, was ich „verbrochen“ haben könnte. Eine besonders perfide Schuldvermutung, die um so schlimmer war, da sie unspezifisch war und nicht verifiziert werden konnte. Sie war ja gelöscht.

Das aber genau ist die Situation, in der wir uns alle inzwischen befinden, seit wir wissen, dass die amerikanische Sicherheitsbehörde NSA uns überall und jederzeit ausspioniert. Ganz einfach, weil wir ja Böses gegen Amerika im Schilde führen könnten – irgendwie. Und weil es am allerverdächtigsten ist, wenn wir uns gegen diese Schnüffelei wehren. Wenn wir unsere Emails und Daten verschlüsseln, soll jetzt mit Hypercomputern, d. h. mithilfe gigantischer Rechnerleistung jede Verschlüsselungssoftware wirkungslos werden. Ganz einfach, weil jeder von uns ja Terrorist sein könnte – oder es jederzeit werden könnte. Etwa weil er wie ein Verbrecher behandelt wird…

Das Erbe des 11. September 2001

Mal angenommen, die Anschläge des 11. September 2001 hätten nicht stattgefunden. Dann wäre den USA und speziell New York ein Trauma kaum vorstellbaren Ausmaßes erspart geblieben. Fragt sich, ob es dann die Auswüchse eines Department of Home Security, eines U.S. Cyber Command und der NSA, die wir heute konstatieren müssen, nicht gegeben hätte. Ich denke, kaum. Es wären die Gelder vielleicht etwas spärlicher in diese Richtung geflossen. Aber der Großmachtanspruch der USA, noch dazu in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, hätte wohl schon allein gereicht, einen ähnlichen Weg zu beschreiten.

Die Legitimation zu solch weltweiter Schnüffelei wäre den USA vielleicht etwas schwerer gefallen. Aber genug Terrorgefahr wäre auch so argumentierbar gewesen, und genug Schurkenstaaten hätte es sowieso gegeben, gegen die man sich wehren muss. Und das wären nicht nur Nordkorea, der Iran oder Pakistan gewesen, sondern auch China und Russland etc. – Vielleicht wären die Abhöraktionen gegen Angela Merkel und andere brave europäische Politiker und Institutionen etwas schwerer gefallen. Aber sei’s drum…

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

Es ist dann aber doch ein veritabler Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet der erste farbige Präsident der USA als gnadenloser Schnüffler, Kontrollfetischist und Demokratiesaboteur in die Geschichte eingehen wird. Ausgerechnet ein Präsident, der als besonders cool und liberal galt und ein Hoffnungsträger für einen neuen Politikstil war. Er wird nun der Referenzpunkt sein, an dem wir endgültig von einem Demokratieverständnis Abschied nehmen mussten, das die Bürger als Souverän definierte, Politiker als Volksbeauftragte auf Zeit und Geheimdienste bestenfalls als notwendiges Übel.

Es ist wirklich erstaunlich, wie geschickt es die Geheimdienste angestellt haben, ihr Schlapphut-Image abzulegen. Sie galten doch lange Zeit als eine Art schrulliges Relikt aus den Zeiten des kalten Krieges. John Le Carre lässt grüßen. Heute sind unter der Führung schneidiger Generäle findige Hacker und ihre Zuarbeiter aus Privatfirmen (siehe Edward Snowden) zu einer unkontrollierbaren globalen Macht geworden. Die Erdball umfassende Datenschnüffelei von NSA & Co. hat dem Gefahrenpotential der Globalisierung eine völlig neue Dimension eröffnet. Und auch die Kollegen in China, Russland, Großbritannien, Israel, im Iran und anderswo sind fleißig an der Arbeit…

Willkommen in der Postdemokratie

Der britische Soziologe Colin Crouch hat 2004 in seinem gleichnamigen Buch den Begriff der Postdemokratie geprägt. Er beschreibt darin ein Politiksystem, in dem die politischen Rituale wie Wahlen etc. zu Events verkommen, die zwar Regierungen stürzen, aber nichts am Politikbetrieb selbst ändern können. Der wird von der Wirtschaft und den Politbürokraten kontinuierlich und zu ihrem Vorteil am Laufen gehalten. Die Figuren der Politik wechseln, aber nicht die Politik und ihre – wirtschaftshörigen – Automatismen. Bestes Beispiel: Barack Obama.

Die eher wirtschaftsorientierte Definition der Postdemokratie von Colin Crouch muss jetzt noch um die Kaste der Geheimdienste erweitert werden. Nicht nur die Wirtschaft als von keinen demokratischen Prozessen kontrollierte politikbestimmende Macht existiert heute, sondern eben auch die Geheimdienste, heute ein kruder Mix aus Militär, Wirtschaft, Bürokraten und Hackern, entziehen sich jeder demokratischen Kontrolle – und Legitimation. Dafür aber stellen sie den offiziellen Souverän einer Demokratie, jeden einzelnen Bürger, unter Generalverdacht. Er wird ausgeforscht wie jeder gemeine Kriminelle und/oder potentielle Terrorist.

Parademokratie – eine deutsche Tradition

Die Idee, jeden Bürger als potentiellen Untäter und subversives Element zu sehen und daher auszuforschen hat in Deutschland eine unselige Tradition. Schon zweimal haben wir das im letzten Jahrhundert erlebt. Zunächst unter den Nazis und deren Gestapo und dann noch einmal in der DDR mit der Stasi. Beides undemokratische bzw. faschistische Systeme. Entsprechend entschlossen sollten wir hierzulande dagegen agieren, wenn nun ein drittes Mal der demokratische Souverän unter Generalverdacht gestellt wird. Aber davon ist die Großkoalition Merkel meilenweit entfernt.

Wir dürfen uns also hierzulande auf eine spezielle Sonderform der Postdemokratie einstellen. Nennen wir sie Parademokratie. Ein kruder Mix aus:

  • leeren demokratischen Ritualen
  • politisch hysterisierten Medien, die sich gerne als politische Akteure missverstehen (siehe Causa Wulff, BILD als neue APO…)
  • immer neuen Enthüllungen aus den unendlichen (Pseudo-)Wissensarsenalen von Geheimdiensten sämtlicher Couleur (gerne auch taktisch gestreut)
  • einem schulterzuckendem Demokratie-Wurstigkeitsgebahren frustierter Bürger
  • einer sublimen wie konsequenten Wohlverhaltens-Feigheit, wie sie überwachten Systemen stets immanent ist
  • einer systemübergreifenden inneren Lähmung, individuell, systemisch, politisch wie intellektuell

Bleierne Zeit, Mehltau – all diese Begriffe sind zu niedlich, um solch eine Welt der Parademokratie zu beschreiben… – Aber man kann sich dagegen ja wehren. Im Fall der Fälle auch außerparlamentarisch – und natürlich ohne Kai Diekmanns APO.

Trubel im Status Quo


Nein zur Winter-Olympiade 2022 in München

Also jetzt keine Olympiade in München. Das Volk wurde befragt und hat es nicht gewollt. Ich hätte schon wollen. Meine Erinnerungen an die Olympiade 1972 waren einfach zu positiv. Das war ein Erweckungserlebnis für die kleine süddeutsche Stadt vor den Alpen. Aus einer zu groß gewordenen Kleinstadt wurde eine Großstadt. Und Flair gab es gratis dazu. Und Sportstätten und eine Infrastruktur, von der wir bis heute hier in München profitieren.

Nolympia01Aber ich verstehe die Gegner dieses Sportspektakels. Muss ich ja. Zu viele Gegner gibt es in meinem Freundeskreis bis hin zur eigenen Ehefrau. Keine erbitterten Gegner, sondern eher spontane Nein-Sager, die kurz und bestimmt ihr „Jetzt-ist-es-aber-genug!“ zum Ausdruck bringen. Da verfangen bemühte – und zugegebenermaßen oft recht verlogene – rationale Argumente für Olympia kaum: neue Sportstätten, bessere Infrastruktur, mehr Image, mehr Bekanntheit in der Welt, blablabla… Da taten sich die Gegner der Olympiade 2022 in München so viel leichter. Sie hatten verfängliche Argumente: Naturzerstörung, Kommerz, Preissteigerung, Gigantomanismus – und sie wirkten alle gleich auch noch wunderbar emotional. (Doof waren sie oft trotzdem…)

IOC, FIFA & Co. sind bäh!

So weit, so gut. Wir könnten wieder zur Tagesordnung übergehen. Dann halt Olympia in Oslo. Denen Olympia zu gönnen tut sich keiner schwer. Die haben sich in einer Volksabstimmung ja nun mal FÜR Olympia entschieden. Aber wer weiß, vielleicht bewirbt sich ja auf den letzten Drücker doch auch noch Katar für die Winterolympiade. Dann wären die beiden Winterereignisse des Jahres 2022 gleich in einer Hand: die Fußball-WM und die Winterolympiade. Das hätte viele Vorteile. Die Kamerateams wären schon vor Ort. Man könnte die Anfangszeiten der Fußball-Spiele und der Winter-Events wunderbar dramaturgisch aufeinander abstimmen. Und Ablaufstörungen bei der Olympiade durch Schneefall, Nebel oder Stürme wären nicht zu erwarten. Und es gäbe kein Problem mit zu wenig Schnee, denn der wäre per se nicht vorhanden…

So absurd solch eine Vorstellung ist. So ganz kann man eine derartige Entwicklung in Anbetracht der Verfassung der maßgeblichen Sportverbände FIFA und IOC nicht ausschließen. Das Nein zur Olympiade in München ist eben auch ein Nein zur gesamten Funktionärsgilde, die heute mit immer neuen Eskapaden durch die Medien geistert. Es ist ein Nein zur schmierigen Biegsamkeit eines – noch dazu deutschen IOC-Präsidenten Thomas Bach. Es ist ein Nein zum alerten und völlig unauthentischen Profi-Funktionär Michael Vesper.

Politik einst und jetzt

Meine so positiven Erinnerungen an eine wunderschöne Zeit zur Olympiade in München schließt ja auch eine breite Begeisterung der Bevölkerung für Olympiade ein. Die haben so seriöse, ernsthafte und authentische Menschen wie ein Sport- und Organisationschef Willi Daume und ein Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel vermittelt. Beide waren Gesinnungstäter für Olympia und für München – und für eine offene Gesellschaft. Bei ihnen war man sich sicher, dass sie im Namen und zum Wohle der Bürger handelten und keine Lobby-Schergen waren. Das Ergebnis war eine Begeisterung quer durch alle Schichten inklusive der Kulturschaffenden und Designer etc.

Und die Politik heute? Die war pflichtbewusst FÜR Olympia. Nur Grüne und die Linke opponierten. Aber wie sah die Unterstützung aus? Bestenfalls pflichtbewusst. In Pflicht nahmen eben Verbände und die Lobby. Vision? Null. Idee? Null. Begeisterung? Kaum wahrnehmbar. Entsprechend hölzern wirkte die Unterstützung und entsprechend krachend hat der abstimmende Souverän den Politikern, die sich zu nichts zu schade sind, die rote Karte gezeigt. Kam hinzu, dass man nach dem pflichtbewusst braven Abstimmungsverhalten für CSU und Merkel zuletzt bei Land- und Bundestagswahlen hier in Bayern mit großer Lust die Chance wahrnahm, es Seehofer & Co. mal wieder richtig zu zeigen. Schließlich ging es diesmal um nichts. Nur um Olympia…

Die Trennung von Politik und Leben

Bezeichnend aber die Reaktion der Befürworter von Olympia und der Politik. Sie waren bass erstaunt über die Niederlage, sie hatten sich tatsächlich in Sicherheit gewogen. Wir müssen nur pflichtschuldig dafür sein und die Sportverbände dazu, dann wird der Bürger schon brav dafür sein. Es scheint kein Sensorium in der Funktionärs- und Politikerkaste mehr zu geben, das Ermüdungserscheinungen und Ekelgefühle gegen einen Sport-Hyperkapitalismus wahrnimmt. Das fällt in den VIP-Logen auch schwer. Dabei wäre ein Blick auf den nun vorbestraften Karl-Heinz Rummenigge und den Steuersünder Uli Hoeneß und auf die laue und maue Fankultur beim dauergewinnenden FC Bayern durchaus lohnenswert. Nicht einmal Stimmungs-Sensibelchen Horst Seehofer scheint da was gemerkt zu haben.

Ach ja, und Franz Beckenbauer, der Alles-möglich-Macher musste diesmal als Werbefrontakteur seine erste Niederlage einstecken. Entsprechend verstockt fiel seine Reaktion darauf aus. Er, der in Katar keine Sklaven in Ketten und Fesseln gesehen hat und daher dort alles in Ordnung fand (siehe Video ab Minute 4:56), ist halt einfach schon viel zu lange in zu vielen internationalen Fußballgremien und -verbänden unterwegs, um noch einen klaren Blick auf Realitäten haben zu können. Denn dann hätte ihm schon mal auffallen müssen, wie inhaltsleer, billig und handwerklich schlecht gemacht die komplette Kampagne „Oja22“ für die Olympiade war. Da war das Zitat des Farbdesigns von Olympia-1972-Designer Otl Aicher eher Hohn.

Der Saturierten-Gürtel Münchens

Dabei wäre es genau darum gegangen, die abstimmenden Bürger für eine neuerliche Olympiade, diesmal im Winter, zu begeistern. Keine leichte Aufgabe, zugegeben. In München gibt es für den sich in seinen Wohlstands-Ritualen schnell gestörten Saturations-Münchner genug Großereignisse und Events. Neuer Höhepunkt 2014: Black Sabbath live auf dem Königsplatz!? Da lehnt man schon fast reflexhaft jede Neuerung und jede vermeintliche neue Irritation ab. Da greift schnell der Saturierten-Narzissmus-Reflex. Du sollst keine (neuen) Helden neben mir haben.

Es ist schon bezeichnend, wenn man sich ansieht, welche Stadtteile Münchens am energischsten gegen die Olympiade gestimmt haben. Nicht die schnöden und mietpreismäßig etwas gemäßigten Stadtteile der Außenbezirke. Die hätten die fünf Ringe gerne in der Stadt gehabt. Es waren die südlichen Stadtteile mit den teuersten Mieten entlang der Isar, in der Innenstadt und in Schwabing, die am energischsten gegen die Olympiade gestimmt haben. Der typische Saturierten-Gürtel der Stadt. Bezeichnenderweise der typische Home-Turf von Münchens Bald-Ex-Bürgermeister Christian Ude.

Den Frieden mit der Ablehnung der Olympiade in München habe ich längst gemacht. Spätestens seit ich in meiner Facebook-Timeline mitbekommen habe, welch ur-anarchistische Freude viele Münchner an der Niederlage der Großkopferten und der politischen Gschwollschädel haben. So gesehen war die Abstimmung der perfekte Anlass, diese Deppen mal so richtig und wirksam zu derblecken. Wie gut das gelungen ist, zeigt die Reaktion der Olympiapromotoren. Sie benehmen sich stilgemäß als beleidigte Leberwürste. Die traurige Diagnose: nichts kapiert. Rein gar nichts. Und genau das ist das Problem…

Der Utopie-Test


Wie sähe der perfekte Datenschutz in einer idealen Welt aus?

Die Reaktionen auf die Enthüllungen der umfassenden Bespitzelung der (unserer) Welt durch die amerikanische NSA (National Security Agency) sind mehr als zurückhaltend. Die große Mehrheit der nicht-digitalen Deutschen versteht die Aufregung nicht oder fühlt sich in ihrer Ignoranz gegenüber der digitalen Welt nur bestätigt. Konservative bis rechts-bürgerliche Kreise und alle sicherheits-paranoiden Menschen finden so eine Bespitzelung gegen Terroristen, Attentäter und Kriminelle sowieso gut. Für die kann man gar nicht genug schnüffeln – FAZ.net sieht hier sogar einen modernen Gottersatz im Entstehen.

Sandburgenterrorismus: Gibst du mir nicht deine Förmchen, mache ich deine Burg kaputt...
Sandburgenterrorismus: Gibst du mir nicht deine Förmchen, mache ich deine Burg kaputt…

Und die Linke: Die fühlt sich in ihren schlimmsten Befürchtungen – endlich einmal – bestätigt und nimmt die Tatsache mehrheitlich mit einem erleichterten Schulterzucken zur Kenntnis. Man hat es sowieso immer schon gewusst. Und die Bösen sind praktischerweise die Amerikaner. Was will man mehr. – Bleiben als Opposition wenige Internet-Aktive, Links-Liberale und eine kleine Minderheit von um Freiheit und Demokratie bangenden Menschen. Die etablierte Politik ist vorrangig mit Wahlkampf beschäftigt und viel zu weit von der Thematik entfernt („Neuland“!) und hält mangels echter Handlungs-Alternativen erst mal die Füße still. Ganz still.

Eine Demokratie-Utopie

Aber denken wir uns versuchsweise einmal kurz in eine ideale Welt, wagen wir eine Demokratie-Utopie. In ihr sind alle vernünftigen Demokraten und denkenden Menschen entsetzt über die Spitzelpraxis der USA und es entsteht eine echte Protestbewegung – nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa (wahrscheinlich ohne Großbritannien), in Südamerika, Kanada etc. Vielleicht sogar in Teilen Asiens und des Mittleren Osten. Gerne jeweils auch unterstützt aus Eigeninteresse von der Wirtschaft, die sich nicht so mir-nichts-dir-nichts ausspionieren lassen will bzw. überflüssigerweise ihre Daten teuer und Abläufe komplizierend sichern müssen.

Würde so etwas passieren, müsste – und würde – die Politik reagieren. Und einmal angenommen, es würden nicht nur ohnmächtige Kommissionen gegründet und zahnlose Resolutionen verabschiedet, sondern man wollte wirklich effektiv handeln, was wäre dann zu tun? Welche Optionen hätte dann die freie, kritische, nicht-amerikanische Welt? Richtig: Mit Obama ein ernstes Wort reden. Guter Scherz. Denn was soll der tun? Seine Pauschal-Rechte an die NSA zurücknehmen? Die Geheim-Gerichte an die Kandare nehmen, die die amerikanischen Internet-Giganten nach Gutdünken gängeln und über deren Agieren keiner reden oder gar schreiben darf.

Catch 22 der Geheimdienste

Wie soll das aber gehen? Es ist doch kein Zufall, wie Obama vom liberalen Politiker zum Ordnungs-Fanatiker und willigen Geheimdienst-Förderer mutiert ist. Verschwörungstheoretiker mögen dazu ihre eigene Version spinnen. Aber wie soll ein amerikanischer Präsident seinen Parteigenossen oder gar den Republikanern erklären, nicht alles Mögliche zu tun, um Terroranschläge zu vermeiden. Und je mehr die Geheimdienste bei ihren Prognosen versagen (siehe Boston), desto mehr finanzielle Ausstattung, desto mehr Zugriffsrechte werden sie bekommen. Das ist die perverse Logik eines Volkes, das in seiner kollektiven Psyche zutiefst ängstlich ist bis hin zur Paranoia. Eine echte Catch 22-Situation.

Und zugleich weiß Obama, dass der „Rüstungswettlauf“ in Sachen digitaler Kontrolle längst in vollem Gang ist. China und Russland, Frankreich und Großbritannien, Israel oder auch der Iran sind eifrige Mitbewerber und dazu Outcasts wie Syrien und allerlei kriminelle Organisationen. Dafür kennt der Aufwand der USA keine Grenzen. Die USA in ihrem Anspruch als Führungsmacht müsste da ganz vorneweg gehen. Daher die so großzügige Ausstattung der NSA, daher der Bau gigantischer Datenspeicher, die dafür ausgelegt sind, den weltweiten Datenverkehr über Jahre hinweg komplett abzuspeichern, daher die Aufweichung aller Datenschutzgesetze. Kurz: Ein amerikanischer Präsident kann – und will – gar nicht anders als wie jetzt geschehen.

Eine europäische Alternative

Jeder Versuch, Amerika von seinem bösen Tun abbringen zu wollen, ist also per se zum Scheitern verurteilt. Und wie sehr sich die großen Internet-Giganten Google, Facebook, Yahoo und Microsoft und all die US-amerikanischen Social Media Provider auch gegen staatliche Zugriffe wehren mögen, um für Kunden außerhalb der USA attraktiv zu bleiben, sie haben keine Chance. In einer idealen Welt, in der etwa Europa nicht das Internet (immerhin in Genf am CERN mit erfunden!) und die Wucht der digitalen Vernetzung verkannt hätte, wäre das die perfekte Gelegenheit, gleichwertige nicht-amerikanische Features (Mail, Kalender, Speicher etc.) und Social Media Services anzubieten und glaubhaft mehr Schutz gegen systematisches Ausspionieren anzubieten.

Internet-Features bieten etwa „1& 1“ oder die Deutsche Telekom an. Doch in welcher Qualität? Trotzdem scheinen sie mehr Zulauf zu erleben. Aber es gibt keinerlei Ansätze, eine ähnlich überzeugende Integration von Services (Suche, Maps, Produktivsoftware, Blogs etc.) wie bei Google oder Yahoo samt deren überzeugende Werbekraft zu entwickeln. Dafür gibt es auch kaum eine Chance. Das hat Microsoft mit seinen immer neu gescheiterten Bemühungen eindrucksvoll bewiesen. Stichwort: „Bing“.

Wo, bitte, ist der Weiße Ritter?

Zweiter Utopie-Ansatz: Und selbst wenn es möglich wäre, ein Google außerhalb der USA zu etablieren. Wo sollte das möglich sein? Technologisch, wirtschaftlich – und politisch. Wo sollten da die Server stehen, dass sie vor dem Zugriff der Amerikaner sicher wären? Da fällt jedes NATO-Mitglied aus, jedes Land der westlichen Allianz. Ja es müsste ein Land geben, das sich wirklich mit ernst gemeinten Datenschutzbemühungen (und entsprechender Gesetzgebung) profilieren möchte. Dabei wird man nicht einmal im sonst so korrekten Skandinavien fündig. Man erinnere sich nur an die schwedische Willfährigkeit gegenüber den USA im Fall Assange. Bleibt Island als Alternative. – Lächerlich, dafür ist es wirtschaftlich viel zu mickrig und angreifbar.

Und selbst wenn es unter den Staaten dieser Welt ein Äquivalent zu einem Weißen Ritter gäbe: einer, der es gut meint, der die Privatsphäre konsequent schützt, der technisch versiert genug ist, gegen die Spionageversuche aller anderen zu bestehen und wirtschaftlich stark genug ist, solch einen Weg durchzuhalten. Solch ein Staat wäre aus aller Welt unter Beschuss. Politisch und medial, weil er Terroristen und Verbrechern Schutz bietet. Technisch würden alle Konkurrenten, nicht nur die USA, alles daran setzen, ausgerechnet diese Schutzsphäre so schnell und so umfassend wie nur möglich zu knacken. Und politisch und wirtschaftlich wäre solch ein Land in kürzester Zeit völlig isoliert.

Koexistenz mit den Schnüfflern

Selbst in der erträumbarsten aller Welten scheint es also keinen gangbaren Ausweg aus dem Überwachungs-Dilemma zu geben. Das klingt schlimm pessimistisch. Aber bekanntlich sieht sich jeder Pessimist als Realist. Bliebe als private Alternative die Flucht in die Verschlüsselung aller Daten, die man versendet – und der Ausstieg aus allen Aktivitäten in Social Media. – Aber ist das die Alternative? Einige, natürlich deutsche Datenschützer empfehlen so etwas allen Ernstes. Die digitale Isolation von allen Menschen um einen herum. Der Abschied aus Facebook und allen seinen Freunden. Die Außerdienststellung der Smartphones samt ihrer intelligenten (weil vernetzten) Technologien? Die Versendung kryptischer, oft nicht ankommender, von kaum einem zu öffnender Emails?

Die Flucht in die Verschlüsselung aller Kommunikation kann nicht die Lösung sein. Das Argument, damit würde man es der NSA und allen verwandten Datenschnüfflern wenigstens schwerer machen, ist Sandkasten-Terrorismus: Wenn du mir nicht deine Förmchen gibst, mache ich deine Sandburg kaputt. Oh Gott, nein!

Unkaputtbare Solidarität als Sicherung

Die Wahrheit ist hart und unangenehm. Wir müssen mit der Schnüffelei leben – wir müssen unsere Gesellschaft und unsere Politik darauf einstellen. Vor allem aber müssen wir eine unkaputtbare Solidarität zueinander entwickeln – politisch, sozial und digital – so dass offensichtlicher Missbrauch nicht möglich ist – und sofort geahndet werden kann. So dass unsere Gesellschaft und unser demokratisches System leben und funktionieren.

Denn nur darin sind wir – absehbar – sicher. Schlimm wird es, wenn die Überwachungsmethoden und das daraus gewonnene – vermeintliche – Wissen in die Hände von (demokratisch) unkontrollierbaren Mächten gerät. Das kann sehr schnell passieren. Man sehe  nur nach Ungarn zu Herrn Orban. Oder es entstehen Mächte, in denen es dem Geheimdienst egal ist, welches Parlament und welcher Präsident unter ihnen regiert. (Ex-FBI-Chef Edgar Hoover lässt grüßen…) – Oder sind wir in den USA längst schon so weit? Fast mag es danach aussehen…

Edgar Hoover lässt grüßen...
Edgar Hoover lässt grüßen… – der schwarze Ritter

Die Dekonstruktion des Internets


Prism & Tempora: Kriegserklärung an die Bürger

Ich finde es nachgerade drollig, wenn sich Menschen darüber aufregen, dass ihre Mails vom amerikanischen oder gar britischen Geheimdienst mitgelesen werden. Oder dass beide ganz gut wissen, welche Seiten man im Internet anschaut – ja auch die etwas schmuddeligeren. Welch Selbstüberschätzung. Blödsinn, wir als Einzelwesen sind viel zu uninteressant. Selbst wenn wir nicht so brav sind wie die stolzen Spießbürger, die noch jede Kontrollaktion gut heißen, „weil sie ja nichts zu verbergen haben. Nein, Prism, das US-Netzlauschprogramm, und Tempora, der britische Konterpart, sind nicht dafür gebaut, um uns ins Wohn- oder Schlafzimmer zu schauen. So kleinkariert denkt seit der Stasi kein Geheimdienst mehr, dass es dort Wesentliches zu erfahren gäbe.

3 weise AffenNein, die Programme sind dazu da, der Idee einer Rasterfahndung eine völlig neue Volte zu geben. Prism und Tempora – und was es sonst noch in dieser Richtung in China, Russland oder sonst wo (Deutschland?) geben möge – brauchen uns und unsere Datenspuren nur, um so Normalstrukturen des Webverkehrs und des digitalen Alltags kartieren zu können. Wir geben das Grundraster vor, aus dem die Abweichungen auffällig werden.

Die Abweichung von der Norm

Analysiert wird nur, wie sich dieses Grundraster in verschiedenen Regionen unterscheidet und auf der Zeitachse verändert (Trends!). Und dann wird Jagd nach allem gemacht, was diesem Grundmuster nicht entspricht, vielmehr andere, verdächtige  Muster an Kommunikation und Vernetzungen aufweisen. (Ein Gedanke wert: Vielleicht waren die bei Osama bin Laden angeblich gefundenen Sexfilme nur zur Raster-Tarnung gedacht?)

Was heute als Big Data durch die Medien spukt, wird gerne als Überwachung aller Daten missinterpretiert. Die Verarbeitung der Yottabyte an Daten, die heutzutage kontinuierlich immer neu produziert werden, lassen sich auch mit den schnellsten Rechnern nicht mehr verarbeiten. Big Data meint nichts anderes, als in den Fantastilliarden von Informationen interessante Abweichungen von der Norm aufspüren zu können – und zu wollen.

Der Verdacht macht sich verdächtig

Das ist es, was man Algorithmen beibringen kann: Suche Abweichungen von der Norm. Das ist die Art von Aufgabe, die die Rechnerleistung von Superrechnern nicht überfordert. Auf diese Weise filtern etwa Kreditkartenfirmen Widerspüche in ihrem Geldtransferverkehr heraus, die unsinnig erscheinen. Ein Herr Konitzer, der gerade noch in Deutschland eingekauft hat, will plötzlich am selben Abend in Hongkong oder in der Ukraine Geld abheben. Sehr verdächtig. Dass das in Italien passieren kann, entspricht inzwischen dem VISA-Konitzer-Muster. Das ist längst mal telefonisch abgeklärt worden – und gespeichert.

Ähnlich soll das bei NSA (USA) und GCHQ (UK), den beiden Daten-Geheimdiensten im großen Rahmen bei der Terrorbekämpfung ablaufen. Hier werden Normalo-Muster mit Terroristen-Verdachtsindizien abgeglichen. 50 Terroranschläge sollen so schon verhindert worden sein. Sagt jedenfalls Obama. Was er nicht sagt ist, wie viele Menschen im Zuge dieser Daten-Fahndungen schon zu unrecht in Verdacht geraten sind – und deren Ruf nach Verhaftung etc. nun im Keller ist. Er macht auch keine Angaben darüber, wie viele dieser Verdächtigen in Guantanamo oder sonstwo gelandet sind – und dort vergebens auf ein Gerichtsverfahren warten.

Demokratiefreier Raum

So weit, so schlecht. Wir haben keine Ahnung, wie die Algorithmen aussehen, die nach Terroristen und sonstigen Datenabweichlern fahnden sollen. Wir wissen auch schon gar nicht, wie Norm und Normalität für die Algorithmen definiert wird. Ich glaube nicht, dass sich schon verdächtig macht, wer einem Artikel die volle Bandbreite an Terror-Reflex-Tags beigibt, wie das etwa Richard Gutjahr in seinem verdienstvollen Rant gegen Prism und Tempora gemacht hat. Ich hatte selbst zu lange gehofft, eine Art Daten-White Noise als Schutzschirm könne gegen Schnüffelei und Überwachung funktionieren. Tut es eben in Zeiten von Big Data nicht. Man erzeugt nur ein überflüssiges Mehr an vernachlässigbarer Data.

Wir haben auch keine Ahnung, wer die Menschen, die die Algorithmen entwickeln, kontrolliert oder ob das überhaupt jemand tut. Wir wissen nicht, wer die Normalität, die wir durch unsere Datenproduktion per Handy (GPS!), Karten (Kunden-, Bank- Kreditkarten), Internet, Social Media, Konsum, Gerätebedienung etc. produzieren, definiert – und wer diesen Menschen dann kontrolliert. Wir wissen nicht einmal, ob die Politiker, in deren Auftrag offiziell solche Menschen beauftragt werden, wissen wollen, was die da tun. Es scheint hier ein völlig unkontrollierter – und demokratiefreier – Raum entstanden zu sein, in dem agiert wird.

Internet als Störfall

Das Schweigen und die Stille, mit der immer neue Enthüllungen zu Datenschnüffelei und zur Datenkontrolle, von der Politik – und speziell der deutschen Politik – kommentiert werden, ist ohrenbetäubend. Hier will man entweder nichts wissen nach dem Drei-Affen-Prinzip: nichts hören / nichts sehen /nichts sagen. Wahrscheinlicher ist, dass man selbst Teil des Komplotts ist. Die Tatsache, dass Deutschland längst brav private Daten seiner Bürger den Amerikanern frei Haus schickt, lässt das auf alle Fälle vermuten. Es ist niederschmetternd, dass eine Angela Merkel, die den Stasi-Terror selbst miterlebt hat, für das Thema der Bürgerrechte und Datenselbstbestimmung völlig desinteressiert ist.

Mein Verdacht reicht daher tiefer. Das Internet ist für die Politik – und das quer durch alle Kontinente und Länder und quer durch alle Systeme – ein willkommenes Kontroll-Tool, im übrigen aber ein Störfall. Das Internet macht Politik anstrengend. Die Selbstorganisationskräfte sind riesig, das Kommunikationspotential auch für politische Inhalte unendlich. Die Dynamik, die das Internet politisch entfalten kann, hat es nicht erst im arabischen Frühling oder zuletzt in der Türkei bewiesen. Eine Dynamik, die viele Politiker in ihrer digitalen Inkompetenz unendlich oft peinlich lächerlich hat erscheinen lassen. Zuletzt Angela Merkel mit ihrer „Neuland“-Bemerkung bei Obamas Besuch.

Transparenz als Bedrohung

Die schlimmste Bedrohung der politischen Klasse – wieder quer über alle Kontinente und Systeme – ist die Transparenz, die das Internet bietet. Ob jetzt Edward Snowden mit seinen Prism-Enthüllungen, ob Julian Assange mit Wikileaks – oder in unendlich vielen kleinen Beispielen im lokalen und regionalen Bereich: das Internet ist der schlimmste Feind von Durchstechereien, Drahtziehereien, von Hinterzimmerdeals und sonstigen politischen Arrangements. Und Initiativen per Internet sind viel zu schnell und quecksilbrig, um der Politik eine Chance zu geben, da nur halbwegs zeitnah angemessen reagieren zu können.

So dumm, wie man die Politik gerne darstellt, ist sie aber nicht. Sie weiß, dass sie das Internet nicht mehr los werden kann. Dazu hat es sich zu sehr als positiver Wirtschaftsfaktor, als sensationeller Produktivitäts-Multiplikator und als Echtzeit-Kommunikationstool bewährt. Die Büchse der Pandora ist geöffnet – und lässt sich nicht mehr schließen. Und dass es nicht geht, das Internet kontrollieren und wirksam domestizieren zu können, hat die Politik in den meisten Regionen der Welt nach vielen Fehlleistungen dann doch auch kapiert.

Die Desavouierung des Internet

Was also tun? Die wirksamste Waffe gegen das Internet ist wohl, es umfassend – und nachhaltig (hier passt die Politphrase!) in Misskredit zu bringen. Und was eignet sich besser dafür, als es als allgegenwärtige Überwachungskrake jenseits aller Negativszenarien („Orwells „1984“ u.v.a.) zu desavouieren. Das ist jetzt durch die Veröffentlichung zu Prism, Tempora – und was alles noch folgen wird – optimal gelungen. Kein Vorwurf dazu an Edward Snowden. Allein die Idee, solch riesige Systeme aufzusetzen, so groß, dass man dafür die Hilfe freier Mitarbeiter von Privatfirmen braucht, ist in Internetzeiten zuverlässiger Garant für ihre eigene Enthüllung.

Aus diesem Blickwinkel ist der Aufbau von Programmen wie Prism oder Tempora eine doppelte Kriegserklärung der Politik an ihre Bürger. Zum einen überwachen wir jeden Mucks, den Du tust – und vor allem alle unerwünschten politischen Aktivitäten. Die lassen sich in der Klandestinität der Algorithmen unendlich weit fassen und sind jeder Kontrolle durch demokratisch legitimierte Instanzen entzogen. (Warum haben eigentlich alle deutschen Datenschützer nicht schon längst angesichts von Prism & Co. und der deutschen Mittäterschaft den Job unter Protest hingeworfen?)

Die paralysierte Netzgemeinde

Der zweite willkommene Effekt der Enthüllungen ist die komplette Entzauberung des Internet auf allen Ebenen. Auf die essentiellen Wirkungen u. a. auch im wirtschaftlichen Bereich hat Wolfgang Blau, damals Direktor der Digitalstrategie beim britischen Guardian, in einem Facebook-Einwurf gut beschrieben. Die rechtlichen Aspekte hat Wolfgang Stadler sehr gut im Internet Law-Blog ausgeführt. Zurück bleiben Internet–Normal-Nutzer, die dem Internet noch weniger trauen als zuvor und deren Ängste davor reichlich zusätzliche Nahrung bekommen haben. Und was bleibt, ist eine zutiefst frustrierte, massiv desillusionierte und weitgehend paralysierte Netzgemeinde (inklusive der hier bislang völlig versagenden Piraten).

„Mission accomplished!“, würde sich George Bush stolz brüsten, wäre er noch US-Präsident. Barack Obama ist klüger: Er schweigt und lässt sein hochgiftiges Produkt wirken und wirken und wirken… – Nach dem Motto: Wenn wir das Internet schon nicht mehr weg bekommen, sollt ihr Bürger auf keinen Fall mehr irgendwelchen Spaß daran haben.

Im tiefen Tal der Exponentialität


Digital – exponential – combinatorial

Mich treibt seit einiger Zeit das Gefühl um, wie absurd die komplette Diskussion über unseren deutschen Weg ins Digitale Zeitalter ist. Leistungsschutzrecht, Bandbreitendrosselung, Gema-Rechthaberei, Netzneutralität… – you name it. Das sind Themen, die in absurder Weise an der digitalen Realität vorbei gehen – und von ihr nur ablenken. Der gesamte Diskurs wirkt wie aus der Zeit gefallen, als sei die Welt in das bräunliche Sepia vergilbter Schwarz-Weiß-Fotos getaucht. Dazu passt das Ergebnis einer Studie der Initiative D21: „Die  meisten Deutschen sind nicht in der digitalen Welt angekommen.“

Erik BrynjolfssonDie digitale Realität ist so krass konträr zu unserer deutschen digitalen Befindlichkeit – oder bar jeder politischen Gestaltungslust (die Piraten eingeschlossen). Dabei bin ich mir sicher: Es wird alles so viel schneller – manche werden sagen „schlimmer“ kommen als wir erwarten – oder befürchten. Die Entwicklung wird so rabiat, so grundsätzlich und so einschneidend sein, wie wir es uns in unseren kühnsten Träumen – oder Alpträumen – kaum auszumalen vermögen. Mein ungutes Gefühl verdichtete sich zur Gewissheit, als ich auf TED.com den Vortrag von Erik Brynjolfsson „The key to growth – race with the machines“ gehört habe.

Die unsichtbaren Gratis-Effekte des Internet

Erik Brynjolfsson skizziert in seinem Vortrag die Produktivitätseffekte der digitalen Welt und deren Wirkung auf das wirtschaftlichen Wachstum. Er ist ein ausgewiesener Fachmann zu diesem Thema, denn er ist Direktor des MIT Center für Digital Business und Mitglied des amerikanischen National Bureau of Economic Research. Seine Studien zeigen, wie sehr sich die Alltagswirklichkeit, vor allem aber die Arbeitswelt verändern werden.

Schon eine seiner einleitenden Thesen gibt eine Vorahnung, wie sehr wir einer fatalen Selbsttäuschung erliegen, was etwa unsere wirtschaftliche Situation und unsere Produktivität betrifft. In allen statistischen Berechnungen von Wirtschaftsleistungen finden die vielfachen Wirkungen der vielen Gratisdienste des Internet wie Google, Wikipedia, Maps, Spotify & Konsorten keine Berücksichtigung. Da sie nichts kosten, finden sich ihre segensreichen Wirkungen in keiner Berechnung von Wirtschaftsleitung und Wirtschaftskraft, in keinem Bruttosozialprodukt und keiner Produktivitätsberechnung wieder.

Wir sind längst weiter als wir denken

Rechnet man deren Wirkung ein, müssten alle Wirtschaftseckdaten um Abermilliarden nach oben gesetzt werden. Um so niederschmetternder wäre bei solch einer Neuberechnung, wie wenig diese hohen Steigerungsraten sich in den Geldbörsen von uns Bürgern, die wir die Wirtschaftsleistungen erbringen, wiederfinden. So gesehen hat sich die Wirtschaftsdynamik längst von uns abgekoppelt. Kurz: wir sind längst sehr viel weiter als wir denken und als wir selbst real wahrnehmen und real wirtschaftlich erleben. Und wir sind jetzt schon finanziell von der wahren Produktivitätssteigerung abgekoppelt, die bislang der wesentliche Faktor von Lohnsteigerungen war.

Diese Entwicklung wird sich sehr viel schneller als wir denken – und die Politik wahrnehmen und darauf reagieren kann – weiterentwickeln. Erik Brynjolfsson macht dafür drei essentielle Faktoren verantwortlich, die die Internet-Ökonomie der Zukunft definieren:

  • Digitalität
  • Exponentialität
  • Kombinatorik (Netzwerke und Multidimensionalität)

Die Digitalität mit ihren weitreichenden Effekten auf Leben und Arbeit ist in diesem Blog ausgiebig und vielschichtig beschrieben: Ubiquität, Interaktivität, Big Data, Skalierbarkeit, Replizierbarkeit, 24/7 u.v.m. Die Disruptionen, die dadurch entstehen können, sind erst ansatzweise erahnbar. Eine digitale Welt ist eine komplett andere als unsere frühere, analoge Welt. Das sind, zugegeben Binsen, aber noch sind sie weithin nicht wahrgenommen. Entlarvend der Satz eines hochrangigen Finanzmanagers, den ich zuletzt gehört habe: „Irgendwie ist das mit dem Internet dann doch nicht so ein Trend, der wieder vorübergeht. Das wird jetzt ernst.“

Die bedrohliche Exponentialität

Der zweite Effekt, die Exponentialität, ist typisch für digitale Effekte. Da alle digitalen Produkte beliebig oft und beliebig schnell replizierbar sind, Reichweiten in nie zuvor möglicher Geschwindigkeit herstellbar sind, ist Exponentialität ein typisches Phänomen in der Digitalwirtschaft. Exponentialität sind wir evolutionstechnisch und menschheitsgeschichtlich nicht gewohnt. Wir kennen nur lineares Wachstum. Das hat uns die Natur gelehrt. Exponentiales Wachstum erleben wir nur als Bedrohung, etwa bei Krankheiten (Krebs), Seuchen oder Atombomben.

Vor allem aber schätzen wir exponentiales Wachstum vorzugsweise falsch ein. Weil es zunächst langsamer durchstartet als lineares Wachstum, während es gleichsam Schwung holt für seine explosionsartige Entwicklung (siehe Grafik) , unterschätzen wir sein explosionsartiges Potential. Und das stets massiv. Das ist der entscheidende Grund, warum wir hierzulande das Internet so unterschätzt haben und wir uns über exzessive Erfolge wie Google, Facebook, YouTube etc. verwundert die Augen reiben. Und das ist auch der Grund, warum solche Erfolgsstories nicht in Europa geschrieben werden (können).

Growth

Fremdschämen über Wachstumszahlen

Meine erste Begegnung mit Exponentialität war ganz am Anfang von Europe Online 1994/1995, als wir unsere Businesspläne bei möglichen Partnern, bei Werbepartnern, auf Kongressen und bei Verlagen vorstellten. Auf unseren Slides gab es Wachstumskurven, auf denen ich das erste Mal „Hockeystick-Effekte“ zu sehen bekam, steil ins Unendliche empor strebende Wachstumskurven.

Mir waren diese Prognosen damals eher peinlich. Sie wirkten auf mich unvorstellbar. Ich bin mir auch nicht sicher, ob die Businessmanager damals wirklich selbst an solch Wachstum glaubten, oder ob das damals nicht eher „wishful thinking“ war und nur diese absurden Steigerungsraten das von ihnen präsentierte Businessmodell rechtfertigten. Ich gestehe, ich hatte damals öfter leise Anfälle von Fremdschämen den eigenen Prognosen gegenüber.

Zu unrecht. Als ich viele Jahre später die Papiere von damals noch einmal in die Hände bekam, musste ich mit Erstaunen feststellen, dass fast alle dieser Prognosen stimmten, ja sogar eher von der Realität überholt worden waren. Mit einer Ausnahme: die Einnahmen von Werbeerlösen stimmten erst mit etwa drei bis fünf Jahren Verzögerung. Das war unser Pech damals bei Europe Online – aber das ist eine andere Geschichte…

Die Kombinatorik und Multidimensionalität

Den dritten Faktor, der unsere digitale Zukunft prägen wird, nennt Erik Brynjolfsson „combinatorics“, deutsch Kombinatorik. Er meint damit aber nicht die gleichnamige Teildisziplin der Mathematik, sondern Kombinatorik in dynamischen Systemen, wie hier im Fall Internet. Jede Neuerung im Internet wird nicht nur in dem Umfeld genutzt, für das es entwickelt wird, sondern ist heutzutage stets Basis von Entwicklungen in ganz anderen Bereichen. Jede neue Funktion wird so nicht nur für den gedachten Zweck genutzt, sondern auch für ganz andere Ziele – und das im globalen Rahmen.

Brynjolfsson bringt als Beispiel für diese dynamische Kombinatorik, wie die Abermillionen an Facebook Apps auf Facebook als Plattform basieren. Facebook selbst baute auf der Plattform des Web auf und das Web auf dem Internet – und so fort.  Jede Innovation ist so die Basis für viele neue Innovationen, die darauf aufbauen. So eröffnen sich stets Anwendungen in multiplen Dimensionen – und das bringt einen zusätzlichen exponentialen Effekt.

Das Trio exponential

Jeder dieser drei Faktoren, digital – exponential – kombinatorisch, hat schon für sich allein eine Kraft, unser Leben und vor allem unsere Arbeit massiv und radikal zu ändern. In der Kombination von diesen dreien haben sie dann aber eine ganz spezielle Sprengkraft: wirtschaftlich, gesellschaftlich und sozial. Und diese Kraft nimmt an Dynamik stetig zu – und wirkt – dank der Kombinatorik – in immer mehr Bereichen unseres Arbeits- und Privatlebens. Die Folgen werden sehr bald sehr deutlich spürbar werden – im Positiven wie im Negativen.

Vor allem im Arbeitsumfeld werden die Auswirkungen sehr bald und  drastisch zu erleben sein. Immer mehr Tätigkeiten werden automatisiert – und damit immer mehr Jobs obsolet werden. Arbeit wird schon sehr bald keine Selbstverständlichkeit mehr sein, sondern ein Privileg werden. Damit wird unsere gesamte Gesellschaft wie sie heute funktioniert ebenso völlig auf den Kopf gestellt werden wie unser wirtschaftliches und soziales System. Das werden Herausforderungen sein, die uns in nicht allzu ferner Zukunft nach solchen Miniproblemen wie eine Eurokrise zurücksehnen lassen.

Eigentlich wäre das ein echtes Wahlkampfthema. Aber es ist zu unangenehm. Es gibt keine Lösung, beziehungsweise müsste sie zu radikal ausfallen, als damit Stimmen gewonnen werden könnten. Also dann lieber Augen zu und Ersatzprobleme schaffen: etwa Leistungsschutzrecht, Bandbreitendrosselung, Gema-Rechthaberei, Netzneutralität…

P.S. Mehr von Erik Brynjolfsson zum Thema der Entkoppelung von Produktivität, Arbeit und Wohlstand auf McKinsey.com Productivity Paradox).

Die andere Spieltheorie


Wer gewinnt das große Monopoly?

Ich habe von früh an gerne gespielt. Die ganze lange Liste an Brett- und Kartenspielen. Los ging’s, wie bei den meisten damals mit „Mensch ärgere Dich nicht!“ – und dann Halma, Mühle, Fang den Hut bis zu Schach, Monopoly, Risiko und sogar „Öl für uns alle“, in dem es um Schürfrechte und den Transport des geförderten Öls in die Abnehmerländer ging. Jeder war da mal Scheich, mal Shell und mal Onassis. Und je besser man darin war und je mehr das Würfelglück half, desto reicher endete man am Ende eines Spieleabends.

MonopolyEigentlich die perfekte Ausbildung für unser derzeit herrschendes Wirtschaftssystem. Zugegeben: Die Bank bei Monopoly hat nie Geld verzockt und war in ihrem Geschäftsverständnis eher rückständig. Wie gerne hätte man damals oft Geld nachgedruckt, um nicht bankrott zu gehen. – Schon damals hatte verloren, wer seinen Besitz verpfänden musste. Aber immerhin wurde einem damals schon klar gemacht, was der Besitz von Immobilien bedeutet – und dass deren Wert schweren Schwankungen unterliegen kann. Aber auch hier: Es gab keine in der spanischen Wüste leer vor sich hin zerfallenden Wohnsiedlungen.

Der Lerneffekt des Spielens

Leider haben mir diese Spiele nicht wirklich Sinnvolles beigebracht, was ich im realen Berufs- und Geschäftsleben hätte erfolgreich anwenden können: Pokerface, Verhandlungsgeschick, Durchhaltevermögen, Strategie… Dazu habe ich die Spiele wohl zu spielerisch gesehen und den Ernst des Lebens zu ernst. Andersherum wäre es wohl besser gewesen. Spiele ernst nehmen und den Ernst spielerisch anzugehen.

Ach was, manchmal habe ich Spiele ja zu ernst genommen. Ich erinnere mich dunkel, mich einmal bei „Mensch ärgere Dich nicht!“ doch so sehr geärgert zu haben, direkt vor dem Haus noch einmal rausgekegelt worden zu sein, dass ich wütend nicht mehr weiterspielen wollte. Das habe ich nur einmal so gemacht. Nicht, weil mich meine Mutter streng gescholten hat, von wegen „Das macht man nicht!“ und „Man muss auch verlieren können!“ Es war der stille, tief enttäuschte Gesichtsausdruck von Onkel Karl und Tante Else, genannt Elschen. meinen Ersatz-Großeltern, der mich dazu brachte, mich nie mehr so bescheuert zu benehmen.

Spielverderber-Attitüde

Fragt sich, wie wir heute mit der weit verbreiteten Spielverderber-Attitüde umgehen sollen, die in vielen alteingesessenen Branchen verbreitet ist, denen radikal veränderte Spielregeln drohen. Den Verlegern etwa. Jahrzehntelang haben sie prächtig davon gelebt, mit ihren Zeitungen dick Geld zu verdienen. Wohl gemerkt nicht dadurch, dass sie glänzenden Journalismus geboten haben. Das haben sie, fraglos. Aber Geld wurde mit Anzeigen verdient. Mit Job-Anzeigen, Auto-Markt, Wohnungsanzeigen. Heute würde man das wohl als journalismus-fremdes Business bezeichnen.

Um so blindwütiger ist ihr Vorgehen gegen all diese digitalen Gewinner, die die zuvor geltenden Spielregeln so radikal ausgehebelt haben. Schon 1995/1996, als Europe Online aus der Wiege gehoben wurde, gab es Pläne, Geschäftsanzeigen und den Auto-Markt digital umzusetzen. So sollten die journalistischen Angebote von Europe Online querfinanziert werden. Das wurde aber schnell gestoppt. Die beteiligten Verlage befürchteten Kannibalismus-Effekte. Die sind dann auch recht bald eingetreten. Nur dass die Kannibalen aus den USA kamen und Google, Amazon, Apple, Monster hießen. Oder sie kamen aus Europa wie Mobile und die Scout24-Familie (Auto-, Immobilien-, Job-Scout etc.).

Veränderte Spielregeln? – Mit uns nicht!

Jetzt, wo alle die Einkünfte aus den Branchenanzeigen längst weg sind und auch die Einkünfte aus der Werbung immer weiter sinken – und zugleich die Verkaufszahlen – sollen plötzlich die Leser für das Journalistische Angebot zahlen. Und jeder, der sich auch nur erdreistet, ein paar Zeilen aus diesem erst vor Kurzem entdeckten Schatz des „Journalismus“ zu zitieren. Dafür hat man das Leistungsschutzrecht erfunden und tatsächlich – unter Androhung journalistischer Repressalien (!!!) – im Wahljahr im Bundestag und Bundesrat durchgedrückt. Die Causa Wulff, also die ebenso eindrucksvolle wie willkürliche Dokumentation verlegerischer Macht, hat die Regierungskoalition sowieso, aber auch die SPD sichtlich verschreckt samt Führungspersonal der Grünen.

Was für ein dummes Spiel, das absehbar eigentlich nur Verlierer hat. Der Wirtschaftsstandort Deutschland wird in Sachen Zukunftsperspektiven faktisch wie imagemäßig geschädigt. Die Verleger haben ihr Image ruiniert, „tiefer in den Keller geht’s nimmer“ heißt es sogar in einem Kommentar in faz.net. Google wird sich nicht beugen und sitzt am deutlich längeren Hebel. Die Blogger drohen zum Opfer einer Verleger-Vendetta zu werden. Die einzigen Gewinner im Spiel sind die, die gar nicht mitgespielt haben. Die Anwälte in den Abmahn-Kanzleien. Und das alles nur, weil eine Branche die neuen Spielregeln nicht anerkennen will (oder kann).

Das andere Spiele-Dilemma

Während Frank Schirrmacher die Allmacht der Spieltheorie in der Finanz- und Politikwelt verschwörungstheoretisch beschreibt, ist längst ein anderes Spiele-Dilemma viel virulenter: der Unwille und das Unvermögen, neue Spiele zu lernen und zu spielen. Ich habe schon an ein paar Stellen in diesem Blog (hier und hier) Eric Schmidt den langjährigen CEO von Google 2009 beim Aspen Ideas Festival zitiert, wie er vor dem eisernen Beharrungsvermögen des großen Geldes warnte und deren Allianz mit der Politik und deren Regulationsmacht. Als hätte er das Leistungsschutzrecht erahnt. Oder hat er gar unfreiwillig die Idee dazu geliefert?

Es ist wie es ist. Vor jedem (neuen) Spiel werden die Karten neu gemischt. Deswegen scheuen alle, die ein Spiel (gut) beherrschen, ein neues Spiel zu wagen. Denn dort ist offen, wer Sieger und wer Verlierer wird. Ja, die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass neue Spiele von jungen, neuen Spielern besser beherrscht werden als von den Alteingesessenen. Und noch wahrscheinlicher ist es, wenn die Spielregeln von den Newcomern bestimmt sind und die Altvorderen das Spiel nur mit großem Widerwillen spielen. Kein Wunder, dass da neue Spiele so weit es geht geregelt, wenn nicht gleich verboten werden.

Das Leistungsschutzrecht war nur der Anfang

Wir müssen froh sein, dass etwa der Versandhandel die Politik nicht so recht in Geiselhaft nehmen kann. Sonst müsste Otto und Karstadt zuliebe schleunigst eine Katalogsdruckpflicht für Amazon, Zalando & Co. erlassen werden. Welch prima Idee: Die Kosten würden die Shopping-Gewinner belasten und die Druckmaschinen der Verleger besser auslasten. Und dasselbe gilt dann auch für Mobile oder AutoScout24. Auch die müssen alle ihre Angebote brav drucken, sonst gelten sie nicht. Na und Monster, Stepstone LinkedIn und Xing genauso ihre Jobangebote. (Aber halt, Xing gehört ja schon Burda…) – Ja und Facebook? Wie wäre es mit einer Like-Abgabe oder einem Freundschaftsschutzrecht?

Ich habe jetzt doch schon einige Zeit nicht mehr Monopoly gespielt. Aber soweit ich mich erinnere, ging das Spiel damals nicht so, dass mitten im Spiel die Spielregeln zugunsten des Seriengewinners geändert werden durften. Das kenne ich nur aus Filmen. Und da waren es immer die Kriminellen, die das Spiel zu ihren Gunsten manipulieren durften. Aber nur so lange, bis James Bond oder andere Gerechtigkeitsfanatiker eingriffen und das Spiel zugunsten der Guten drehten. 007, bitte übernehmen Sie: Aktion Printfall.

Der Pirat des Südens


Beppe Grillo und sein „Tsunami“

Wollen wir es mal vorsichtig formulieren: Die Piraten hatten in Deutschland ihr großes Coming Out in den Medien. Und sie sind darin in kürzester Zeit untergegangen. Marina Weisband hat das in ihrem Blog oft sehr gut als direkt Betroffene beschrieben und analysiert. Die Medien sind viel zu sehr Teil des bestehenden politischen Systems, als dass sie den Piraten je wirklich publizistisch eine Chance gegeben hätten. Zunächst haben sie sie konsequent missachtet. Erst als es nach dem Wahlerfolg in Berlin nicht mehr anders ging, hat man sich ihrer angenommen.. Und wie. Extrem intensiv und mit aller Brutalität, Konvention, Häme und als Sympathie getarntem Zynismus, zu dem die etablierten Medien nur fähig sind. – Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel.

Beppe Grillo
Beppe Grillo

Wie es ganz anders gehen kann, ist bei unserem winterlichen Besuch in Italien zu besichtigen. Hier mischt ein politischer Outsider die italienische Politlandschaft mit ähnlichen Inhalten, einer ähnlichen Attitüde und ebenso internetaffin auf wie dereinst die Piraten in Deutschland: Beppe Grillo. Die Prognosen zur Wahl in Italien Ende Februar sehen ihn bei 13 bis 16 Prozent – mit guten Zuwachsperspektiven. Mit ein bisschen Glück könnte seine politische Bewegung „Movimento 5 Stelle“ (Fünf Sterne Bewegung) bei der Wahl zweitstärkste Kraft, mindestens aber drittstärkste Fraktion werden.

Der Anti-Pirat

Zugegeben, die politische Situation ist in Italien verfahrener und schlimmer als in Deutschland. Das Parteiensystem ist weit desaströser und die Politikerkaste eine Katastrophe. Zur Wahl stehen ein mehrfach verurteilter Medienmogul, der das Land fast in den Ruin getrieben hat. Ein vom Schlaganfall schwer mitgenommener Rechtsaußen. Ein unglaublich dröger sozialistischer Parteisoldat und ein Wirtschaftprofessor von Banken und Goldman Sachs‘ Gnaden. Alle natürlich altersmäßig weit jenseits der Pensionsgrenze. Und dann eben Beppe Grillo. Einst Kabarettist, Komiker und Fernsehstar. Auch er – nach einem Autounfall – wegen schwerer Körperverletzung vorbestraft.

Beppe Grillo steht konzeptionell ganz nah bei den Piraten. Seine Kandidaten zur Wahl sind alle per Internet-Votum gewählt worden. Inhaltlich wird Vieles per Internet diskutiert und beschlossen. Und vor allem die Aktivierung der Wähler und Wahlhelfer geschieht über das Internet und Foren auf Beppe Grillos Website beppegrillo.it (inkl. englischer Version). Auch inhaltlich gibt es viele Berührungspunkte zu den Piraten. Netzpolitisch sowieso, aber ebenso ökologisch und ökonomisch und in der teilweise abenteuerlichen Melange aus linken und eher konservativen Positionen, wie sie auch die Piraten in Deutschland bisweilen haben. In Italien ist das Teil des Erfolgsrezeptes. Beppe Grillo gilt als der einzige „Politiker“, der Berlusconi rechts von der Mitte Wähler abspenstig machen kann.

Der bekennende Populist

Grillo kann Berlusconi Stimmen abgraben, weil er ein Bühnenberserker ist – und ein Populist von Gottes Gnaden. Dafür wird er von allen Seiten gescholten. Er macht sich einen Spaß daraus und lässt auf seinen stets bestens besuchten Großauftritten die Menge skandieren: Po-pu-lista! – An dem Beispiel beginnt man zu ahnen, dass Beppe Grillo vielleicht inhaltlich den Piraten nahe steht, aber sonst in allen Belangen das völlige Gegenbild ist. Er macht alles anders als die Piraten in Deutschland – und ist schätzungsweise gerade dadurch so erfolgreich.

Beppe Grillo verweigert sich nämlich komplett und konsequent allen etablierten Medien. Dem italienischen Fernsehen (das ihn einst groß gemacht hat) sowieso, weil es entweder in der Hand von Berlusconi ist oder von ihm, wie im Fall des öffentlichen RAI, zu einstigen Regierungszeiten mit seinen Gefolgsleuten besetzt worden ist. Eine Kandidatin, die bei einer Talkshow zugesagt hatte, hat Grillo sehr diktatorisch eingebremst. Aber auch mit der italienischen Presse will 5-Sterne-Grillo nichts zu tun haben, auch abseits von Berlusconis Mediaset. Für ihn sind die etablierten Medien samt und sonders Teil der überkommenen politischen Kaste, die ihm niemals nützen werden, sondern ihn immer zu verhindern suchen werden. (Auffällig ist, dass die Medien in Deutschland dem Phänomen Beppe Grillo auch bislang fast völlig mit Missachtung begegnen. Die Ausnahme ist der Tagesspiegel.)

Tsunami, die Polit-Tour

Seine Stimmen, seinen Erfolg und seine politische Wirkung erzielt Beppe Grillo allein durch Multiplikation im Internet, vor allem aber durch seine überaus erfolgreiche Tour über alle großen Stadtplätze quer durch Italien. Er nennt die Tour „Tsunami“. Er ist der einzige Wahlkämpfer Italiens, der sich im winterkalten, nassen Italien auf die Bühne stellt und hier seine – ja, populistische – Bühnenshow mit Politikerbeschimpfungen, Witzen, massenhaft Fakten zur italienischen Politik und ihrer Korruptheit und mit seinen politischen Ideen abzieht. Eine Show, die überall Tausende von Zuhörern auf die zugigen Plätze holt und extrem gut ankommt. Höhepunkt soll ein Auftritt in Rom zwei Tage vor der Wahl vor über 100.000 Zuhörern werden. (Darüber dürfen dann mit Grillos Segen auch die etablierten Medien berichten – möglichst live.)

Ein weiteres Erfolgsrezept ist die konkrete politische Arbeit, die die Abgeordneten des „Movimento 5 Stelle“ dort leisten, wo sie schon Mehrheiten erzielt haben. Etwa in Parma oder in Sizilien. Sie lassen sich von ihren – in Italien üblicherweise üppigen – Abgeordnetengehältern nur etwa 3.000 Euro auszahlen. Den größeren Teil zahlen sie in einen Fonds ein, aus dem Microdarlehen vergeben werden, mit denen vor allem Arbeitsplätze für arbeitslose Jugendliche geschaffen werden sollen. Das funktioniert und macht das Movimento extrem angesehen in Italien. Die Botschaft davon wird viral weiter getragen und macht Eindruck bei den Benachteiligten und in den ärmeren Schichten. Aber auch den Intellektuellen, die sonst wenig mit Grillos hemdsärmeliger Art anfangen können, macht solch authentisches Arbeiten Eindruck.

Der Lackmus-Test

Spannend wird es nach der Wahl. Beppe Grillo hat angekündigt, mit keiner der etablierten Parteien koalieren zu wollen. Schon aus Ablehnung des etablierten Systems. Das wird, je nach Erflog des „Movimento 5 Stelle“, die Bildung einer handlungsfähigen Koalition – vor allem ohne Berlusconi – schwer machen. Das wird der Lackmus-Test dieser Bewegung. Schon wird geunkt, dass ausgerechnet Grillo, der Intimfeind von Silvio Berlusconi, zum Steigbügelhalter dieses anderen großen Populisten werden könnte. Kaum vorstellbar, dass Grillo das zulässt. Aber fast ebenso schwer lässt sich eine Koalition mit dem trockenen Professor Monti oder dem drögen Sozialisten Bersani denken.

So speziell die Probleme Italiens sind, so karikaturenhaft das politische Personal samt Beppe Grillo, die Situation hier könnte eine Art Zukunftsszenario auch für Zentraleuropa werden. Das Spektrum akzeptabler und ernsthafter Politiker wir auch hier immer schmaler und geht bisweilen gegen Null. Die Sehnsucht nach einer politischen Kraft jenseits der etablierten Politidk ist immens. Das haben die Piraten eindrucksvoll bewiesen. Die Situation unser globalen Welt wird nicht einfacher zu managen werden, im Gegenteil. Das öffnet das Feld für Populisten jedweder Couleur. Es wird sehr spannend werden, mit ihnen real funktionierende Politik zu machen und vielleicht wichtige strukturelle Änderungen durchzuziehen (etwa Kontrolle/Entmachtung der Banken). Dafür ist Beppe Grillo der Prototyp. – Es mag von Deutschland anders ausschauen. Aber manchmal ist Italien der Zeit voraus…

Scheiternde Neubauten


Desaster passieren überall

Ein gängiger Bauherrenscherz geht so:
„Baue dein erstes Haus für deinen Feind. 
Baue dein zweites Haus für einen Freund. 
Baue erst das dritte Haus für dich.“

Fragt sich, wer der Feind von Wowereit ist…

Es ist wirklich leicht, sich über das Desaster am neuen Flughafen BER aka Willy Brandt Airport lustig zu machen (das hat Willy wirklich nicht verdient!). Häme-Artikel und Beschuldigungen schreiben sich hier wie von selbst. Vor allem, weil Wowereit wirklich ein solch vorbildlicher Sündenbock ist. Uneinsichtig. Ohne einen Deut von Bedauern. Ohne jedes Gran an Selbstkritik.

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Wer kennt sie nicht, die vielen unbekannten Desaster der Berufswelt. Nicht jede Baustelle wird so prominent wie der Flughafen Berlin Brandenburg

Aber mal ehrlich, erinnert das Desaster nicht haarklein an Projekte, deren Desaster man selbst mal miterleben durfte. Mit all der Systematik des Scheiterns und der Planmäßigkeit des Irrsinns, die man jetzt aus den Prüfberichten in Berlin erfährt. (Und da wird noch viel folgen, da bin ich sicher.) Nur ging es in diesen Fällen glücklicherweise nicht um Abermilliarden von Steuergeldern, sondern um kleiner dimensionierte, privat finanzierte Projekte, deren Scheitern man unter den Teppich kehren konnte, weil es ja die Karrieren der Beteiligten zu schonen galt.

Erstens kommt es anders…

Ich weiß von großen Bauvorhaben von Weltunternehmen, in denen die Baukosten auch völlig aus dem Ruder gelaufen sind. Ich kenne ein berühmtes Gebäude aus privater Hand, in dem mittendrin tragende Wände  herausgerissen werden mussten, weil sie völlig falsch platziert waren. Aber davon erfuhr keiner – und danach gewann der Bau reihenweise Preise und wird hochgelobt. Dass er an etlichen Stellen immer wieder leckt, fällt da nicht ins Gewicht.

Wer jemals selbst gebaut hat, weiß, dass es den perfekten Bau nicht geben kann. Es gibt unausweichlich Fehler, Missverständnisse, miese Laune, Inkompetenz und sonderbare Eigendynamiken, die zu kuriosen Ergebnissen führen. Und dann natürlich gibt es einfach Pfusch. Dass ein Bau am Schluss so ausschaut, wie es sich ein Bauherr anfangs ausgedacht hat, ist definitiv ausgeschlossen.

Jeder, der selbst einmal größere Projekte gemanagt hat, weiß nur zu gut, wie so etwas aus dem Ruder laufen kann: Man hat vielleicht zunächst einen schönen Plan, im besten Fall ohne allzu viele faule Kompromisse. Aber kaum ist dieser verabschiedet und das Projekt kommt ins Laufen, gibt es neue Anforderungen, neue Ideen – und spätestens nach einem halben Jahr massive Änderungswünsche. Es kommen neue Manager mit anderen Vorstellungen, Budgets werden kleiner und die Ansprüche größer. Und der schlimmste Effekt von allen: Wenn der Traum zur Wirklichkeit schrumpft. (Zitat: Karl Kraus)

Einflüsterungen von oben

Solche Entwicklungen passieren immer und überall, wenn man nicht aufpasst. Nicht nur beim Bau von Flughäfen, Bahnhöfen oder (Elb-)Philharmonien. Das passiert auch bei IT-Projekten, bei Software-Programmierungen, bei Produktentwicklungen und Web-Projekten. Überall dort, wo oben schlecht gemanagt wird. Wo Eitelkeiten über Sachverstand und Anspruchsdenken über Rationalität siegen.

Aber was tun, wenn ein eigentlich gut geplantes Projekt auf dem langen Weg zur Umsetzung immer größer, immer widersprüchlicher und immer absurder wird? Dann beginnt im schlimmsten Fall die Zeit der Anpassler, die jeden Irrsinn irgendwie umsetzen, bis sie ein Projekt bis zur Dysfunktionalität treiben. (Von den explodierenden Kosten ganz zu schweigen.) Ich habe erlebt, wie große Webprojekte nach Fertigstellung wieder eingestampft wurden, weil sie hohen Herren, die sie einst beschlossen hatten, nicht mehr gefallen haben. (Weil ihnen von „Beratern“ im Projektverlauf unrealistische Erwartungen eingeimpft worden waren.) Ich habe in Projekten über lange Monate hinweg teuer Funktionalität vortäuschen müssen, weil Entscheidungen über notwendige Software nicht richtlinienkonform (EU!) getroffen worden waren und Ausschreibungen wiederholt werden mussten.

Die ganz normale Obstruktion

Die Kostenfrage ist ein weiteres Feld möglicher Desaster. Es ist doch inzwischen (fast) überall so, dass nicht der beauftragt wird, der einen Job am besten (und wahrscheinlich effektivsten) bewältigen kann, sondern wer am günstigsten anbietet. Seriöse Firmen müssen dafür Kompromisse eingehen, die von Anfang an Bauchschmerzen bereiten und schlussendlich eine optimale Bauabwicklung (finanziell und baulich) verhindern. Weniger seriöse Firmen bieten ohne Rücksicht auf Verluste billig an und holen ihr Geld dann bei den Kosten für Material und Arbeitskräfte wieder herein. Das führt unweigerlich zu Pfusch. Durch mieses Material, durch bedingt kompetente Arbeiter, vor allem aber eine durchgängig miese Stimmung der Ausführenden. Das führt zu passivem Widerstand (Minimum), exzessiver Wurstigkeit bis hin zu gezielter Obstruktion.

Am Ende sind es meist die ganz einfachen Arbeiter, die angeheuerten Programmierer, ja Hilfskräfte, die den Planungsirrsinn und das Managementversagen ausbaden müssen. Von ihnen wird verlangt, dass jetzt endlich was vorwärts geht. Und dann wird halt der sündteure schwarze Stein, der eigentlich fürs repräsentative Foyer geplant war, als Pflastersteine in der Garagenabfahrt verlegt. (Wie in einem Nobelprojekt in München passiert.) Aber der beanstandete Steinhaufen ist erst mal weg. Und in ähnlicher Logik dürften in Berlin Hunderte von Bäumen sinnfrei irgendwohin verpflanzt worden sein, weil sie sonst eingegangen wären. Und so wird in einer eigentlich gelungenen Website der Log in oder der Buy Button, über den keiner im Management so recht nachgedacht hatte, am Ende so schlecht programmiert, dass die Site gar nicht funktionieren kann.

Viele kleine Wowereits

Ich persönlich hatte in den meisten Fällen das Glück, entweder so wenig Zeit bei der Umsetzung von neuen Projekten  – Münchner Stadtzeitung – WIENER – Europe Online – zu haben, dass gar kein Umweg gegangen werden konnte und Wunschextravaganzen sich aufgrund von Zeitnot verboten hatten. Und ich hatte das Glück, mit diesen Projekten so sehr Neuland zu betreten, dass stets die paradoxe Situation herrschte, dass unausweichlich Fehler passieren mussten aber nicht als solche wahrgenommen wurden, weil es noch keinerlei Erfahrungswerte gab. Ich habe es im Fall der Münchner Stadtzeitung mal so formuliert: Wir haben alle Fehler gemacht, die wir machen konnten. Aber immer zur genau richtigen Zeit. Und wir haben daraus gelernt. Unsere Leser liebten uns dafür, weil sie sahen und erlebten, wie etwas entstand, mit ihnen zusammen.

Solch Freiräume gibt es nur selten. Beim Bau von Großprojekten schon gar nicht. Aber dennoch gilt hier – wie überall: Je weniger authentisch etwas ist, desto eher wird es scheitern. Ein Projekt, und sei es ein Flughafen, dessen Kosten unehrlich kleingerechnet werden, weil man ihn nur so durchzusetzen zu können meint, ist eigentlich schon zum Scheitern verurteilt. Ein Projekt, das nicht im offenen, ehrlichen Dialog mit allen Beteiligten durchgeführt wird, kann nicht gelingen.

Abgehobene Vorstände, die hierarchisch apodiktisch Projekte zur Selbstbeweihräucherung aufsetzen; eitle Manager, die Produkte selbstverliebt am Markt vorbei entwickeln; Marketeers, die Kunden für dumm verkaufen, sie alle sollten nicht über Berlin Brandenburg schimpfen. Sie alle sind auch kleine Wowereits. – Nur fallen sie nicht so für alle sichtbar auf die Schnauze. Aber Einsicht, Bedauern, Selbstkritk? Selten bis nie.

Das digitale Fremdbild


Fremdbild vs. Selbstbild

Jeder kennt einen Menschen, der stylemäßig aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Sie stylen sich und ziehen Klamotten an, wie sie Jahrzehnte zuvor mal hip gewesen sein mögen. Als ich in jungen Jahren mit Freunden lange Zeit eine Hütte (ohne Strom, das fließende Wasser war der Brunnen vor der Tür) in der Kelchsau hatte, kehrten wir verlässlich auf dem Weg nach Hause in der „Traube“ in Hopfgarten zur Jause ein. Nicht weil das Essen dort so überragend war. Im Gegenteil, es war sehr holländerkompatibel mit viel Fritten und einem halben Dosenpfirsich als Beilage bei so ziemlich jedem Fleischgericht.

WIENER 12/90 – Foto: Uwe Arens

Nein, die Attraktion war über Jahrzehnte hinweg die Bedienung. (Hieß sie Christine?) Sie war lustig und freundlich. Vor allem trug sie stets eine grandios aufgetürmte Toupetfrisur, wie sie später die Mädels von B52 ironisch zitierten – oder noch später Amy Winehouse. Christine aber trug den Toupet-Turm nicht als ironisches Zitat, sondern weil sie es irgendwie für chic hielt. Irritierend, wie sie dieses Selbstbild liebte, während sich die Welt längst drum herum weiter entwickelt hatte und solch eine (aufwändige) Haarinstallation eher kurios fand. Selbstbild und Fremdbild klafften epochenweit auseinander. (Ein ähnliches, typisches – prominentes – Beispiel für solch ein Time- und Persönlichkeits-Gap ist das Ehepaar Thomas und Thea Gottschalk.)

Schmerzhafte Divergenz

Das Phänomen der Divergenz zwischen Selbstbild und Fremdbild kennt jeder Journalist, der Menschen beschreibt. Jedes Porträt, jede Reportage über Menschen ist nichts anderes, als jeweils dem Betreffenden einen Spiegel vorzuhalten. Einen sehr subjektiven, selbstverständlich. Und oft kollidiert das mit dem Selbstbild des Porträtierten. Je größer die Divergenz, desto heftiger ist die Reaktion. Und das ist nicht immer die Schuld des Journalisten, der eine Geschichte aufzumotzen versucht.

Mir sind solche Selbst-/Fremdbild-Konflikte zwei Mal besonders krass begegnet. Einmal in den Frühzeiten des WIENER, als ich über mehrere Tage hinweg die Mutter von Rainer Werner Fassbinder, Liselotte Eder, interviewt hatte. Sie erkannte sich in dem Interview – obwohl stets wörtlich zitiert – nicht wieder und protestierte vehement dagegen, wie sie und ihr Sohn in dem Interview rüber kamen. Ähnlich heftig war die Reaktion auf eine Reportage kurz nach der Wende 1990 unter Kindern in Halle und Dresden. Wir zitierten dort Texte, die sie in Aufsätzen zum Thema „Meine Hoffnungen und Ängste für meine Zukunft im vereinigten Deutschland“ geschrieben hatten und setzten eindrucksvolle Fotos der Kinder in Schwarzweiß von Uwe Arens dazu. Das kam bei den Eltern und den Lehrern der Kinder sehr schlecht an und wir wurden mit Protestbriefen überschüttet.

Narzisstische Kränkung

Zur Erinnerung: Narzisst ist der stolze Jüngling, der sich aus Rache der Nymphe „Echo“ (!) immer wieder in sein Spiegelbild verlieben musste. Das macht deutlich, wie schmerzhaft es in einer weithin durch-narzisstisierten Gesellschaft sein muss, in seinem Spiegelbild etwas sehen zu müssen, was einem gar nicht gefällt. Etwas, was so gar nicht der eigenen Vorstellung, dem eigenen Anspruch entspricht. Diese narzisstischen Kränkungen (nicht im Freud’schen Sinne, bitte!) prägen das Leben heute. Je ausgeprägter und idealer das Selbstbild ist – und das braucht es in unserer hoch-individualisierten Welt heute – desto häufiger und herber sind diese Kränkungen. Sie prägen unseren Alltag und wohl dem, der gelernt hat, damit klug und aggressionsfrei umzugehen.

Wer heute häufig mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, bekommt unweigerlich das Gejammere zu hören und die Aggressionen zu spüren, die narzisstische Kränkungen in Menschen auslösen. Jede Verspätung der S-Bahn ist ein Angriff auf die eigene Persönlichkeit. Jeder schiefe Satz eines Kollegen ist ein Drama. Jeder Tropfen Regen eine persönliche Beleidigung und jede Hitzeperiode jenseits von drei Stunden ein Angriff auf die körperliche Unversehrtheit. Eigenartigerweise werden die wirklich schwerwiegenden Kränkungen des fragilen Selbstwertgefühls, die von Chefs, Instanzen, Behörden oder gar der Politik ausgeübt werden, da nicht thematisiert. Je gravierender und Identität gefährdender die Angriffe sind, desto stiller werden sie ertragen. Sie zu beklagen wäre zu entblößend, zu blamabel.

Das finanzielle Eigenschämen

Die am meisten verschwiegene Kränkung der Gegenwart sind die Geldverluste, die Menschen in den sich gegenseitig hetzenden Krisen ereilen. Sie sind das absolute Tabu-Thema, bei dem man sich oft nicht einmal bei allerengsten Freunden seelische Erleichterung holen mag. Es wird spannend, wann dieses Tabu einmal gebrochen wird. (Vielleicht in einer Stern-Aktion: 100 Prominente bekennen, wir haben uns verspekuliert?) Zeit wird es, denn gerade die Banken und Finanzinstitutionen profitieren am meisten von der Omerta der geprellten Gierigen und der breiten Front teilenteigneter Finanz-Amateure.

Dabei ist die Bandbreite der narzisstischen Kränkungen, die Banken heute für ihre Kunden auf Lager haben, nahezu unendlich. Jahrzehntelang treuen Kunden wird im ersten Moment einer Krise (etwa Arbeitslosigkeit) sofort und unangekündigt der Dispo gekündigt samt Einzug der EC-Karte. Selbst erfolgreiche Firmen bekommen vereinbarte Kreditlinien nicht mehr verlängert, weil irgendein anonymer Controller in der Zentrale neue Richtlinien erlassen hat. Und wenn man älter als 55 Jahre ist, hat man sowieso kaum mehr Chancen auf Hypotheken oder Kredite, nicht mal wenn man massenhaft Immobilien als Sicherheit bieten kann. – Das alles ist so im näheren Bekanntenkreis aktuell passiert.

Der anonyme Algorithmus 

Und es wird noch schlimmer. Längst sind die Finanzinstitute und eigene, von ihnen beauftragte Datenanalytiker dabei, ganz klandestin ein zusätzliches, digitales Fremdbild von jedem von uns zu malen. Mit der Abermenge von digitalen Finanz-Transaktions-Daten, kommerziellen Datenbanken (Adressen, Schufa & Co.) und den im Internet in Abundanz verfügbaren Daten (inkl. Social Media) zeichnen sie ihr eigenes, sehr granulares und konkretes Bild vom Konsumverhalten, von Kreditwürdigkeit und finanziellen Perspektiven jedes Einzelnen von uns.

Ein sehr eindrucksvolles Bild, wie das e-score genannte Solvenz-Profil eines jeden von uns aussieht, hat die New York Times gezeigt. Ein erschreckendes Bild vor allem, weil es vor dem, den es angeht, stets verborgen bleibt. Es wird nur in den Kränkungen, die von diesem klandestinen Datenprofil, dem dritten – digitalen – Ich verursacht werden, erlebbar sein: wenn man keinen Kredit bekommt – oder nur zu sehr unvorteilhaften Konditionen. Wenn man teurere Preise zahlen soll (wie etwa Apple-User). Wenn man keine Verlängerung einer Hypothek bekommt und die Spareinlagen unter dem Inflationswert verzinst werden usw.

Und wer sich ein wenig auskennt, wie Algorithmen entstehen, wie sie funktionieren und weiß, wie sie oft falsch eingesetzt werden, der kann erahnen, wie oft von Algorithmen errechnete (Finanz-)Persönlichkeitsprofile falsch liegen können. Die Banken & Co. sind ja schon froh, wenn halbwegs die Pareto-Regel gilt. Für uns Kunden hieße das, dass ein Fehlerquotient von 20 Prozent gilt und mindestens jedes fünfte digitale Profil falsch ist. Und es ist unkorrigierbar, da nicht öffentlich kontrolliert und nicht individuell einsehbar. Eine wahrhaft kafkaeske Situation solange nicht Hacker eine e-score-Leaks-Initiative starten.

Auf die Politiker darf man nach den Erfahrungen der letzten Jahre und Monate wohl nicht hoffen, dass sie sich in diesem Punkt gegen das Finanzsystem zugunsten ihrer Wähler durchsetzen. Vielleicht auch, weil sie ganz privat Angst haben, von dieser Seite herbe narzisstische Kränkungen zu erfahren…

Bella figura rules


Italien 2012: alles in bester Ordnung?

Das Leben in Italien geht seinen gewohnten Gang. Nach außen hin ist alles in Ordnung. Es gibt eine Krise? Na gut, aber das muss doch keiner mitbekommen. Italien ist schon immer perfekt gewesen „bella figura“ zu machen. Egal wie schlimm es zuhause aussieht und wie klamm man sein mag, mit einem guten Anzug, einer stolzen Haltung und einem strahlenden Lächeln auf den Lippen ist noch immer Eindruck zu machen bei der passeggiata, beim abendlichen Bummeln durch die Hauptstraße, auf dem Hauptplatz oder der Uferpromenade.

Auch der Strand macht bella figura – nachdem die Spuren der Winterstürme beseitigt sind.

Und wie der einzelne Bürger, so setzt auch der Staat alles daran, eine „bella figura“ zu machen. Alles geht seinen Gang. Die Auslagen sind voll, die Läden sind offen, die Busse fahren, alles prima. Und sie es hinter den Fassaden aussieht, geht keinen etwas an. Fragt man die Italiener nach der Krise, wird kurz über Monti, die gestiegenen Benzinpreise und höhere Gebühren für Gas, Elektrizität etc. gejammert. Aber das hat man schon immer so getan. Das war bei Berlusconi nicht viel anders.

Berlusconi, wer bitte ist das?

Letzterer passt inzwischen auch gar nicht mehr zur „bella figura“. Silvio Berlusconi ist zur Unfigur geworden. Nicht dass man Schlechtes über ihn sagt. Man will nur gar nicht mehr über ihn reden. Oder über Ugo Bossi. Man will nicht einmal mehr seinen Namen erwähnen. Die unsensiblen Touristen, die immer noch über Silvio reden wollen, furchtbar. Der Name steht einfach auf dem Index.- Aber auch über Monti mag man nicht wirklich reden. Jeder weiß, dass es zu ihm keine Alternative gibt. Aber er verkörpert als Person einfach zu sehr die Krise, die man so gar nicht sehen will, weil sie hässlich ist (bella figura!). Also ist Monti auch irgendwie tabu.

Gott sei dank, sind in Italien erst in einem Jahr Wahlen. Was da passieren mag, welche Parteien sich bis dahin selbst zerstört haben – wie die Lega Nord – oder sich in Wohlgefallen aufgelöst haben – wie Berlusconis Wahlverein, keiner weiß es. Und ob sich bis dahin neue, echte Alternativen im Parteienspektrum gebildet haben mögen, die wählbar sind? Jenseits der Protestbewegung vom Satiriker und öffentlichen Enfant terrible Beppe Grillo ist da nichts absehbar. (Sie kennen Beppe Grillo nicht? – Man stelle sich als Deutscher einfach eine ziemlich hochtourige und politische Mixtur aus Urban Priol und Atze Schröder vor.)

Interessant wird die Geschichte, wenn man ein wenig hinter die Fassaden schaut. Denn es wird derzeit in Italien weiterhin viel gebaut. Zum Beispiel Straßen. Letztere sind eine große Konjunkturmaßnahme. Derzeit werden alle großen Autobahnen Italiens verbreitert – auf drei oder vier Spuren. Und das in einer Zeit, wo so gesittet Auto gefahren wird wie noch nie in Italien. Die hohen Benzinpreise haben auch noch den letzten Raser gebändigt. Es wirkt schon sehr kurios, wenn ein BMW X6 oder ein Mercedes SLK Benzin sparen, indem sie auf der Autobahn im Windschatten von LKWs fahren. Ein in Italien derzeit nicht seltenes Bild.

Bauboom ohne Geld

Aber es wird auch privat viel gebaut. In jeder kleineren Stadt prägen etliche Baukräne das Stadtbild. Der Bauboom erklärt sich zum einen dadurch, dass Bargeld zu Immobilien umgewandelt wird. Gemunkelt wird, dass hier auch viel Schwarzgeld den Weg zurück in die Realwirtschaft findet. Gebaut wird aber auch auf Pump. Das Geld leihen aber nicht Banken, die geben nämlich so gut wie keine Kredite mehr, egal wie viel Sicherheiten geboten sind. Die Banken sind nicht mehr flüssig, das Geld, das die EZB massenhaft zur Verfügung stellt, wird von dem Finanzbedarf der Banken fast völlig aufgesogen.

Trotzdem wird gebaut. Aber auf eine sehr fatale Methode. (Auch hier gilt: „bella figura“!) – Man baut, die Bauarbeiter sind billig, weil die Arbeitslosigkeit hoch ist. Und die Arbeiter werden erst mal nicht bezahlt. Das ist in Italien seit je her üblich. Erst nach einem halben oder dreiviertel Jahr, wenn der Bau schon weit fortgeschritten ist, wird gezahlt. Per Scheck. Per vordatiertem Scheck, der erst zwei oder drei Monate später eingelöst werden kann. Oder per vordatiertem Scheck, den der Bauherr bekommen hat und weiterreicht. Und auch die Baustoff-Lieferanten werden so (virtuell) bezahlt.

Die verkrustete Gesellschaft

So hat nach außen hin erst mal alles seine Ordnung. Aber wehe, wenn in ein paar Monaten die Schecks fällig werden. Wenn nur einer in der Kette der vordatierten Schecks platzt, funktioniert das komplette System nicht mehr. Pleiten sind dann unausweichlich. – Auf diese Weise wird die komplette Krise Italiens nach hinten datiert. Immer in der Hoffnung, dass irgendwie doch noch Geld in das System kommt. Von der EU, der EZB oder gar von Investoren, die Anleihen kaufen. – Wehe das klappt nicht, dann ist Monti schuld. Oder die EU. Oder die Deutschen. Oder Merkel. Aber fürs Erste ist alles in bester Ordnung. „Bella figura“ rules!

Und natürlich machen auch die Banken „bella figura“. Kredite haben sie ja keine mehr zu vergeben, also machen sich die vielen Bankangestellten, die selbst in der kleinsten Filiale auf dem Land anzutreffen sind, unabkömmlich. Da der Online-Kontoauszug nicht funktioniert (den müsste man stets vom selben stationären PC abrufen), darf man ihn persönlich abholen. Das führt im besten Fall dazu, dass alle fünf im Kassenraum anwesenden Angestellte irgendwie in den Prozess – beratend oder aktiv – eingebunden werden. Eine sehr wirksame Art der Arbeitsplatzsicherung.

So respektabel Mario Monti als Person ist und so wohl gemeint seine Taten sein mögen. Im Grunde seines Herzens ist der Wirtschaftsprofessor ein Freund der Banken. Und er tut daher alles, um den Banken seines Landes zu helfen. Dummerweise kommen dabei die Interessen anderer Gesellschaftsgruppen eher zu kurz. Monti kämpft auch darum, die Verkrustungen in der italienischen Gesellschaft zu sprengen. Aber mit wenig Erfolg. Italien wird unverändert von alten Menschen regiert und geprägt, und die denken nicht daran, ihre Macht an Jüngere abzugeben. Junge, talentierte Menschen haben da kaum Chancen – und wandern ab – zum Beispiel in europäische Institutionen. Da zählen Leistungen – und nicht „bella figura“.